Ein Quantum Anerkennung - vom Nutzen der Ich-Erweiterungen

Der Narziss ist nun einmal besonders und so möchte er gefälligst auch behandelt werden. Für gewöhnlich sorgt er selbst dafür, dass diese bevorzugte Behandlung stets gewährleistet ist: Er umgibt er sich mit Menschen, die ihm absolut treu ergeben sind - seinen Ich-Erweiterungen. Meist hat er eine ganze Schar persönlicher Lakaien, die ihm den Popo hinterher tragen und ihn auch ansonsten von den lästigen Bürden des Alltags befreien. Der Narziss besitzt einen überaus sicheren Instinkt dafür, geeignete Menschen unter Hunderttausenden aufzuspüren. Zu Beispiel in Form eines Butlers oder einer persönlichen Assistentin. Zur Not tut es aber auch ein williger und gefügiger Ehepartner.

Medizin Sein Lebenselixier
Dreh- und Angelpunkt der Existenz des Narzissten sind seine Bedürfnisse. Ihre Befriedigung ist sein Lebenselixier. Versiegt dieser Quell, erleidet der Narziss seelische Durstqualen. Diese können durchaus tödlich sein. Er verdurstet gewissermaßen tatsächlich. Zumindest aber führt dieser Umstand zu einem unmittelbaren Verfall seiner Gesundheit.

Ein Quantum Anerkennung
Nun sucht ja bekanntlich jeder mehr oder weniger bewusst nach kleinen Indizien der Anerkennung bei anderen Menschen, doch beim Narzissten gibt es zwei gravierende Unterschiede. Der eine betrifft die Quantität. Gewöhnliche Menschen gestehen sich ein maßvolles Quantum an Anerkennung zu. Zu viel davon wird eher als belastend empfunden und vermieden. Der Narziss ist dagegen so etwas wie das psychische Äquivalent zum Alkoholiker. Er stürzt sich wie ein Besessener auf jedes lustvolle Schlückchen, dürstet aber auch nach drei Flaschen Anerkennung fortwährend weiter, weil sein Verlangen einfach unersättlich ist.

Kosten-Nutzen-Kalkulation
Der zweite Unterschied betrifft den Pragmatismus des Narzissten: Eine Existenzberechtigung besitzt ausschließlich, was oder wer ihm nützlich erscheint. Jede seiner Entscheidungen ist einer strikten Kosten-Nutzen-Kalkulation unterworfen. Das gilt selbstverständlich auch für sämtliche Entscheidungen, die seine zwischenmenschlichen Beziehungen betreffen. Denn auch Menschen sind in seinem Konzept nun einmal lediglich Instrumente zur Befriedigung seiner Bedürfnisse und Interessen.

Der Narziss und seine Bedürfnisse

Es ist für den Narzissten tröstlich zu wissen, dass der kosmische Maßstab das einzige ist, was bei allen Widrigkeiten da draußen wirklich zählt. Das Alltägliche, das wirkliche Leben, die lästigen Routine der kleinen Menschenwelt, sind nicht nur vollkommen Ikarus Fallohne Bedeutung, sondern meistens sogar einfach nur hinderlich. Weil sie vom Wesentlichen ablenken. Denn unter dem Strich zählt nur eines: 

Der Narziss ist ein Wohltäter der Menschheit und verdient daher eine einzigartige Behandlung!

Aber was ist denn nun die eigentliche Mission des Narzissten in der Welt? Hinter all dem Gedöns? Nun, er möchte sich einfach nur dauernd und immer wieder vergewissern, dass das Bild, das er sich in jahrelanger Kleinarbeit von sich selbst gebastelt hat, auch wirklich stimmt. Dazu braucht er aber nun einmal jene Menschen, die ihm fortwährend bestätigen, was er im Grunde ohnehin weiß:

"Ich bin wichtig, mächtig und toll und außerdem sehr besonders!“

Der Narziss und seine Bedürfnisse
Der Narziss behauptet immer wieder gerne und im Brustton der Überzeugung von sich selbst, dass er wie ein ganz gewöhnlicher Mensch behandelt werden möchte. Sollte das allerdings tatsächlich der Fall sein, bereitet ihm dies ganz außerordentliches Unbehagen.

In Wirklichkeit geht er nämlich vollkommen selbstverständlich davon aus, dass ihm aufgrund seiner Besonderheit eine einzigartige Behandlung und gewisse Sonderrechte zustehen. Er legt daher auch großen Wert darauf, nur von handverlesenen Spitzenexperten persönlich beraten, betreut, behandelt und bedient zu werden - ganz gleich, ob Produzent, Rechtsanwalt, Arzt, Restaurantbesitzer oder Chefkoch.

Sollte ihn das Gegenüber allerdings enttäuschen oder frustrieren, was für gewöhnlich nicht von der Kompetenz oder der Qualität der Leistung des Gegenübers abhängt, sondern von der Tagesform und Laune des Narzissten, wird der Experte, den er soeben noch als Halbgott verehrt hat, ohne großes Federlesen von seinem Podest gestoßen und kann von nun an ganz sicher sein, dass er seinen Ruf im freien Fall verliert.

genius

Der Narziss - Genius und Inkarnation des Weltengeistes

Der Narziss ist berufen. Ein Auserwählter. Jedes noch so winzige Molekül seiner Existenz, ja, einfach alles was er tut (oder lässt), jede seiner Lebensäußerungen, seine Schöpfung an sich, die Komposition des Gesamtkunstwerks, das sein Leben darstellt, und überhaupt jeder seiner noch so banalen Gedanken - das alles ist durch und durch durchdrungen von universeller Bedeutung.

Getragen von seiner Mission erklimmt er die Stufen auf der Leiter des Ruhms durch Leistung, Perfektion und Brillanz. Alles ist Teil des großen Wurfs, des kosmischen Konzepts, des Drehbuchs, das ihn unweigerlich Schritt für Schritt der Erfüllung seiner Lebensaufgabe näher bringt.

Sein Leben - ein Gesamtkunstwerk
Die Mission des Narzissten rechtfertigt selbstverständlich die Anwendung sämtlicher ihm zur Verfügung stehenden Mittel bis hin zu Rechtsbeugung und Korruption. Als Genius und Inkarnation des Weltengeistes besitzt er nämlich das natürliche Recht, alles für sich zu vereinnahmen und zu beanspruchen.

Sein Verhältnis zu Besitz und Eigentum, auch dem an Menschen, ist daher aus der Perspektive Normalsterblicher mitunter, nun, sagen wir mal - schwer nachvollziehbar? Was aber schlicht daran liegt, dass es diesen Normalsterblichen am grandiosen Weitblick und an der Vorstellungskraft für die wirklich essentiellen Dinge des Lebens gänzlich ermangelt.

Logik - aus Sicht des Narzissten
Der Narziss ist zweifellos ein Rationalist. Ein Pragmatiker. In seiner Logik beinahe unschlagbar. Wenn sich nur seine eitle Logik nicht immer wieder selbst vereiteln würde. Denn leider kommt ihm die Peilung unterwegs gelegentlich abhanden. Weil seine Schlüsse nicht selten auf reinem Aberglauben und blinden Vorurteilen beruhen.

Da wird jede noch so kleine Widrigkeit plötzlich zum verhängnisvollen Omen und jede Anfeindung, sei sie auch nur vermutet, zur Verschwörung. Alle anderen haben selbstverständlich nur ein Ziel, nämlich seine Anstrengungen zu obstruieren. Da kann schon eine Fliege an der Wand zu explosiven Wutausbrüchen führen und ein kleiner Rückschlag gar zu einer möglicherweise apokalyptischen Katastrophe.

besonders

Auserwählt - der kosmische Plan

Ein Prototyp ist Sam Vaknin nicht nur aufgrund seiner außergewöhnlichen Persönlichkeitsstruktur, sondern auch deswegen, weil er (nach eigenem Bekunden) nichts weniger als "eine kosmische Mission auf Erden“ erfüllt. Aber das ist eben nun einmal in aller Bescheidenheit die Berufung des Narzissten: Er ist schlicht auserwählt. Von einer wie auch immer gearteten kosmischen Entität. Über die ist nichts Näheres bekannt. Aber genau das macht sie zu einer grandiosen Projektionsfläche für jede ganz individuelle Heilsvorstellung.

Der Narziss wird jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit zu den 144.000 Auserwählten gehören, die dereinst gerettet werden. Kurz vor dem endgültigen Untergang der Erde. Von einer in Kreuzformation heran eilenden Flotte von Raumschiffen der Santiner vom Planeten Alpha Zentauri. Denn gerettet werden ausdrücklich nur wenige handverlesene Menschen. Nämlich die, welche als so genannte Evolutions-Agenten die Evolution voran gebracht und sich somit als würdig erwiesen haben, weiter zu existieren. Die Santiner-Theorie stammt ausnahmsweise nicht von Vaknin, sondern geistert schon lange in der Esoterik-Szene herum. Einer Szene übrigens, in der sich Narzissten besonders gerne tummeln, weil ihre absonderlichen Botschaften dort auf goldenen Boden fallen.

Alle anderen Erdenbürger sind dann dem sicheren Untergang geweiht. Das ist bedauerlich, interessiert aber niemanden wirklich, da sie ohnehin viel zu unbedeutend sind. Nur wirklich grandiose Biografien kommen in den Genuss der Anwartschaft auf Teilhabe am geistigen Weltkulturerbe.

Der kosmische Plan
Diese kosmische Entität jedenfalls hat einen großen Plan, so Vaknin. Sie entwirft eine Art Drehbuch für das Erdendasein der wenigen Auserwählten. Dieses Drehbuch hat die Tendenz, sich während der gesamte Lebensspanne des Narzissten immer weiter zu verdichten. Das alleine ist doch wohl schon Grund genug dafür, das Leben und Wirken des Narzissten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu betrachten.

Es sei dabei nur am Rande erwähnt, dass die Funktion und Daseinsberechtigung dieser kosmischen Entität im Gedankengebäude des Narzissten lediglich darin besteht, ihm zu der Bedeutung zu verhelfen, die ihm naturgemäß zusteht. Es wäre jetzt wirklich sophistisch, kleinlich und unverzeihlich engstirnig, zu erwähnen, dass wir uns hier in einem grandiosen Zirkelschluss bewegen.

Welt rettenEine Mission kosmischen Ausmaßes

Der Narziss hat unbenommen das große Talent auf beinahe jedem offiziellen Anlass in unzählige und unsägliche diplomatische Fettnäpfe zu springen. Er wird davon geradezu magnetisch angezogen. Gleichzeitig hechelt ein ganzer Stab hilfloser PR-Agenten atemlos hinter ihm her, um sich immer neue, fadenscheinige Erklärungen für seine peinlichen Fehlleistungen auszudenken.

Eben mal die Welt retten...

Es ist vollkommen unmöglich, alle Fettnäpfe vorherzusehen, in die ein Narziss springen kann. Noch unmöglicher ist es allerdings, den Narzissten direkt darauf hinzuweisen, dass er sich gerade ganz arg daneben benimmt. Von seinen Beratern traut sich das jedenfalls keiner. Selbst wenn es sich dabei um einen diplomatischer Fauxpas von einer Größenordnung handelt, der selbst den härtesten Knochen im politischen Gewerbe den Atem stocken lässt. Aber der Narziss hat ja auch immer einen guten Grund dafür:

Er muss die Welt retten!

Eine Mission kosmischen Ausmaßes
Diese Idee zu diesem Kapitel stammt bedauerlicherweise nicht von mir, sondern von einem der wenigen real existierende Narzissten, die sich zu ihrem hochgradigen Narzissmus auch tatsächlich bekennen: Sam Vaknin. Ihm gebühren für sein selbstloses Outing zahlreiche Pluspunkte und meine neidlose Anerkennung.

Sam Vaknin, der sich selbst als "Psychopath" bezeichnet, ist sozusagen der Prototyp des Hardcore-Narzissten und er ist stolz darauf. Vaknin hat eine Berufung: Die Aufklärung der Menschheit über das Innenleben des Narzissten. Dieses Ziel verfolgt er vollkommen humorlos und mit missionarischem Eifer. Zum Beispiel indem er das Internet zutextet und die ganze Welt mit Büchern und Videos beglückt, die sich nur einem Gegenstand widmen: Seinem eigenen einzigartigen und denkwürdigen Seelenzustand.

Das Studium seiner Selbst-Reflektionen erfordert ein gewisses Maß an Masochismus, ist aber unbenommen aufschlussreicher als jedes Lehrbuch. Auch wenn sie ihn offenbar keineswegs auch nur ansatzweise dazu veranlassen, sich selbst und sein Verhalten in Frage stellen oder gar zu ändern. Aber wie sollte es auch anders sein.

Niccolo MachiavelliDas Kleiner-Mann-Syndrom

Im Grunde steckt in jedem von uns ein kleiner Weltverbesserer. Eigentlich wissen wir doch alle, wie es geht. Es wäre im Grunde ziemlich einfach, wenn wir nur an der Macht wären. Aber den Machiavelli haben wir schon mal drauf. Im Vergleich mit echten Narzissten sind wir jedoch ziemlich kleine Lichter. Der ist nämlich nicht nur viel wichtiger als unsereins, sondern vor allem berühmt-berüchtigt für eitle Eskapaden jenseits jeglichen guten Geschmacks.

Narzisstische Politiker
Gerade unter den Regierungsoberhäuptern dieser Welt treffen wir sehr häufig auf einen Prototyp, der schon im alten Rom von sich reden machte: Den Narzissten, der nicht nur aufgrund seiner gefühlten Minderwertigkeit nach Großem strebt, sondern weil er tatsächlich von Natur aus ein wenig zu kurz gekommen ist.

Das Phänomen ist auch als "Kleiner-Mann-Syndrom" bekannt. Hier muss jeder Zentimeter einzeln kompensiert werden. Der kleine Narziss ist erst zufrieden, wenn er unter dem Beinamen "der Große" in die Geschichte eingeht. Auch wenn das bedeutet, dass er mit
sämtlichen über Jahrhunderte hinweg verbrieften Regeln der politischen Diplomatie brechen muss. Selbst mit denen, die bis dahin von allen Oberaffen, Häuptlingen, Kaisern und Päpsten in Ausübung der höchsten politischen Funktionen strikt eingehalten wurden, um die Würde des Amtes nicht zu gefährden.

Und wir sprechen jetzt nicht davon, dass sich Politiker heutzutage die Falten auf Wahlplakaten wegretuschieren lassen, um mit über 70 immer noch einen auf jugendlicher Gigolo zu machen. Oder darüber, dass sie ihre Haare färben oder Mieder mit Popo-Push-Ups unter den auf ihre nicht vorhandene Taille geschnittenen Hosenanzügen von der Stange tragen. Das geht schließlich alles noch unter der Rubrik "eitle Macken" durch, die man für gewöhnlich unter "allzu menschlich und vollkommen harmlos" verbuchen kann. Ein bisschen narzisstisch sind wir schließlich alle.

Nichts Großes wurde ohne Narzissten vollbracht

Alle Berufe, die der Narziss so gerne ergreift, selbst die, die ein bisschen wissenschaftlich angehaucht sind, haben eines gemeinsam: Sie berufen sich auf höhere Instanzen. Auf göttliche Inspiration oder andere namhafte Autoritäten. Auf angeblich fundierte Erkenntnisse, auf mehr oder weniger solide Erfahrungswerte oder auch einfach auf das ganz persönliches Charisma und die Berufung des Ausübenden. Und sie haben noch eine Gemeinsamkeit:

Sie können ihren eigenen Wert oder den ihrer Zunft offenbar nur durch einen faulen Kompromiss behaupten: Nämlich, indem sie die Fehler, die sie zwangsläufig begehen, weil sie nämlich wider Erwarten auch nur Menschen sind, nach allen Regeln der Kunst vertuschen.

Bismarck VerkleidungenCharisma und Berufung
Der Narziss ist jedenfalls überwiegend in solchen Berufsgruppen anzutreffen, die mit Macht und Reichtum, großem Ansehen und einer einzigartigen Mission einhergehen. Er ist der geborene Entertainer und läuft im Grunde erst richtig zur Hochform auf, wenn er in seine Robe schlüpft. Oder eben in jede andere Uniform, die seiner Berufung Nachdruck verleiht.

Man trifft in für gewöhnlich auf den Show-Bühnen dieser Welt, in den Politischen Zirkeln, Sportstadien und Kampfarenen rund um den Globus an. Er glänzt überhaupt überall dort, wo Hauen und Stechen angesagt ist. In Aufsichtsräten und Finanzzentren, in Kathedralen und Medienhäusern sowie in den Hauptquartieren von Regierungen und Militär. In höchsten diplomatischen Kreisen und sehr geheimen Zirkeln. In Guerillabewegungen und in der Mafia.

Er kreist wie ein Komet am Horizont unseres Planeten und zieht in seinem Schweif zahllose Wichtigtuer und Adlaten, Stars und Sternchen hinter sich her. Und gelegentlich stürzen Kometen eben auch mal ab. Mitsamt allem Gedöns hintendran. Weltwunder, Kriege oder Finanzkrisen - nichts Großes wurde je ohne Narzissten vollbracht...

Friedrich Wilhelm I. (Preußen)Sein Metier: Glanz & Gloria

Überall, wo Leistung mit Ruhm und Ehre, Macht und Geld honoriert wird, läuft der Narziss zur Hochform auf. Weniger um der Sache selbst willen, als um mit Glanz und Gloria zu brillieren.

Viele Berufe sind für ihn vor allem deswegen so attraktiv, weil sie ihm so mannigfaltige Möglichkeiten bieten, Pluspunkte zu sammeln und somit auf seine ganz persönlichen Kosten zu kommen. Sie werden umso attraktiver, je mehr sie im Ruch von Altruismus stehen. Und bei jedem dieser Berufe stellt sich die Frage: Was war eigentlich zuerst - die Henne oder das Ei?

Also: Haben die Narzissten den Job erfunden, weil sie mächtig und wichtig sein wollten oder war er deswegen so attraktiv, weil die Funktion einfach irgendwie notwendig für das Zusammenleben von Menschen war und ihre Ausübung Macht und Bedeutung verhieß?

Déformation professionnelle
Die Deformation wird jedenfalls meistens schon in die Profession mitgebracht und ist die Profession selbst erst einmal deformiert, wird sie fürderhin umso attraktiver für Narzissten. Wie es der Zufall will handelt sich bei vielen dieser Berufe um solche, die einen beträchtlichen Spielraum für Interpretationen zulassen. Wie zum Beispiel all jene, die sich mit höheren geistigen Sphären befassen. Diese entziehen sich eben nun einmal der wissenschaftlichen Analyse und sei es auch nur in ihren Teilbereichen. Also praktisch alle, die den Menschen betreffen. Außerdem sind ja auch die Wissenschaften ihrer Natur nach ziemlich relativ.

Aber einige Metiers sind eben besonders ganz relativ und damit für den Narzissten umso attraktiver: Seelsorge, Pädagogik, Therapie und Medizin zum Beispiel. Sowie all jene Berufe, die über die Spielregeln des Zusammenlebens entscheiden oder qua Profession sozusagen darüber erhaben sind wie Politiker, Richter, Anwälte und Professoren. Und ganz speziell natürlich diejenigen, die sich sowohl den allgemein üblichen Spielregeln als auch der Wissenschaft vollständig entziehen wie zum Beispiel Künstler, selbst ernannte Gurus, Propheten und Wunderwirkende jeglicher Couleur.

Albrecht Dürer Betende HändeAllmächtig, unfehlbar und in seiner Art wirklich einzigartig

Die (beinahe) vollkommene Selbstlosigkeit des Narzissten reicht bis hin zur Selbstaufopferung. Jedoch - wie durch Zauberhand - kommt ihm wieder einmal alles, was er ja eigentlich für andere tut, vor allem selbst zu Gute. Meistens jedenfalls. Denn auch der Narziss ist nicht vor grandiosen Fehlentscheidungen gefeit, schon weil er generell dazu neigt, die Realitäten fatal zu verkennen.

Gib, damit dir gegeben wird

So wurde schon manch einer nach einem entbehrungsreichen und aufopferungsvollen Leben aus tiefster Nächstenliebe weit emporgehoben über den Rest der Menschheit. Ich sage nur: Mutter Theresa. Das funktionierte aber nur, wenn das Leben dieses engelsgleichen Wesens noch entbehrungsreicher und noch aufopferungsvoller war, als das aller bisher bekannten Altruisten und Wohltäter der Menschheit. Und wenn man es irgendwie schaffte, damit die Aufmerksamkeit der entscheidenden Instanzen auf sich zu ziehen. Das gab einen satten Bonus auf dem Pluspunkte-Konto. Zum Beispiel durch Heiligsprechung. Man bekam dafür einen Platz an der Sonne. Direkt neben dem lieben Gott. Denn der ist ja sozusagen die Ikone aller Narzissten - allmächtig, unfehlbar und in seiner Art wirklich einzigartig.

Die Heiligsprechung war früher in etwa das, was heute der Oskar ist. Eine enorm hohe Auszeichnung, die aber damals bedauerlicherweise meistens erst postum erfolgte. Zu lange, um darauf zu warten, wie Narzissten heute finden. Deswegen sind grandiose Altruisten und Wohltäter der Menschheit auch sehr selten geworden.

Auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit
Der vom Allmächtigen selbst berufene Narziss opfert willig alle weltlichen Bedürfnisse. Er selbst glaubt zumindest ganz fest daran. Der jeweils zuständigen (und im Gegensatz zum Narzissten beinahe beliebig austauschbaren) Gottheit auf Erden ist er als Stellvertreter auf seinem der Wirklichkeit entrückten Posten aber allemal näher als dem Volk. Damit ist er auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit schon einen beträchtlichen Schritt weiter gekommen. Denn letztendlich ist auch der liebe Gott nur eine Figur auf dem narzisstischen Schachbrett.

Da kann man schon mal vergessen, dass man auch nur ein Mensch ist, der in Ausübung seines Amtes gelegentlich über den eigenen Schatten stolpert. Denn den hat er ja nun an der Garderobe zum Priestertum abgegeben. Eigentlich. Es nimmt also kein Wunder, dass die bösen Heimsuchungen aus der Schattenwelt rein zufällig in unmittelbarer Relation zu der zur Schau gestellten Frömmigkeit stehen. Denn irgendwo brechen sich diese gottverdammten weltlichen Bedürfnisse halt doch wieder Bahn
und mitunter platzt halt das göttliche Ventil.

narzisstischer ChefNarzisstische Berufswahl

Narzisstische Kollegen sind nur schwer zu ertragen. Dies gilt in potenzierter Weise für Narzissten in Chefetagen. Es ist dabei für deren Mitarbeiter meist wenig tröstlich zu wissen, dass echte Narzissten mieses Karma haben, weil sie komplett unfähig zu uneigennützigem Handeln sind. Es kann zwar durchaus vorkommen, dass sie vordergründig uneigennützig handeln, viel wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich aus sehr pragmatischen Erwägungen erfolgreich die Fassade des selbstlosen Altruisten überstülpen. Denn auch das ist letztlich nur eine besondere Spielart des narzisstischen Gutmenschen - das grandiose Überhelfertum.

Diese Facette zeichnet sich vor allem durch ungeheuerliche Bescheidenheit bis hin zur Nichtexistenz und eine Fürsorglichkeit aus, welche sich vor allem dadurch hervor tut, dass eigentlich niemand darum gebeten hat. Der wohltäterische Narziss findet für sämtliche niemals erbetenen Hilfs- und Rettungsaktionen stets wirklich gute Gründe, die auf den ersten Blick sogar vernünftig erscheinen. Es macht die Sache nicht viel besser, dass er selbst an diese guten Gründe glaubt. Würde er etwa jemandem helfen, nur um ihn zu manipulieren? Ein absurder Gedanke!

Narzissten lieben schöne Fassaden
Narzissten lieben Berufe mit schönen Fassaden: repräsentative Ornate, weiße Kittel und Nadelstreifenanzüge, prunkvolle Kathedralen mit barockem Interieur und eindrucksvollen Glasfassaden. Kurzum diesen aristokratisch-elitären Flair, mit dem sich die Mächtigen dieser Welt seit Menschengedenken so gerne umgeben. Er hat ein ausgesprochenes Faible für Emporen aller Art, weil er selbst zu den Erhöhten gehört, und stellt dafür gerne einiges hinten an. Zum Beispiel in Ausübung der Profession eines Priesters. Denn dieser erhebt sich über den Rest des gemeinen Volkes, wie es dem Narzissten nun einmal gebührt. Er ist dabei auch noch von einer ganz besonderen göttlichen Aura umgeben. Ein Kommunikator zwischen Diesseits und Jenseits von Gottes Gnaden.

Religiöse Lehrsätze sind seine Spezialität, besonders wenn sie vor der Vernunft vollkommen unhaltbar sind und dem gesunden Menschenverstand total zuwider laufen. Denn wenn sich die Gläubigen dann heillos in diesem Labyrinth verirrt haben, ist der geistige Führer der einzige, der den Ausweg kennt.

Schuld sind immer die anderen...

Wenn Sie beabsichtigen, ein rationales Gespräch mit dem Narziss zu führen, kommt er garantiert auf Emotionen zu sprechen. Wollen Sie aber über Gefühle reden, verabschiedet er sich elegant auf das sichere Terrain der Rationalität. Irgendwie schafft er es jedenfalls immer, am Schluss aus Gewinner aus einer Auseinandersetzung heraus zu gehen, die im Grunde niemals zu Stande gekommen ist.

Immer auf der Gewinnerseite

Sollte es Ihnen doch einmal gelingen, den Narziss in die Ecke zu drängen, hat er immer noch ein vollkommen entwaffnendes Manöver auf der Rückhand: Er wird Ihnen einfach vorwerfen, dass Sie ihn allzu sehr idealisiert haben. Er sei schließlich auch nur ein Mensch. Ist es etwa seine Schuld, dass Sie ihn so verkennen? Und im Zweifelsfall hat er selbst für seine Konfliktscheu noch einen guten Konter in petto: Es ist nämlich so, dass er das rationale Gespräch bevorzugt und emotionale Gefechte verabscheut, während Sie den Streit ja ganz offensichtlich regelrecht suchen und von vorne herein auf Krawall gebürstet sind.

SuenenbockSchuld sind sowieso die anderen...
Sieht er seine Felle davon schwimmen, könnte sich der Narziss im Extremfall sogar dahin versteigen, zu beteuern, wie sehr er auf Ihre Liebe und Ihr Verständnis angewiesen ist, damit er sich ändern kann. Aber nun, da er sich dessen nicht mehr so gewiss sein könne, gebe es ja auch keinen Grund mehr, sich zu ändern. Mit unabsehbaren Konsequenzen, die nun wiederum alleine von Ihrem Wohlverhalten abhängen...

Kurzum: Es kann in Konflikten nur einen Sieger geben - den Narzissten. Was schon alleine daran liegt, dass der Narziss keine Fehler macht. Schuld sind immer die anderen. Das mag manch einer als Affront verstehen, doch der Narziss ist ja noch nicht einmal ein tollkühner Wortverdreher. Jedenfalls nicht absichtlich. Denn er ist schließlich felsenfest von seiner Wirklichkeit überzeugt.

SonnenuhrDie narzisstische Zwickmühle

Das Ausblenden der Realität, in der Psychlogie auch Verdrängung genannt, beherrscht niemand so brillant wie der Narziss. Nur er vermag den alten Spruch:

"Mach es wie die Sonnenuhr - zähl‘ die schönen Stunden nur!“

tatsächlich wortwörtlich zu befolgen. Er blendet überhaupt alles aus, was ihm missfällt. Dazu gehören zum Beispiel auch Konflikte. Darunter fällt außerdem im Wesentlichen alles, was an seinem Lack kratzen könnte. Er versteht sich meisterlich darauf, Gesprächen, die eine bedrohliche Richtung einschlagen, eine elegante Wendung zu verleihen. Entweder knapp an der Sache vorbei auf (für ihn) sicheres Terrain oder aber auch in Form eines Bumerangs, der den Angreifer postwendend tödlich am Schädel trifft.

Aber grämen Sie sich nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind Sie nicht einmal persönlich gemeint. Dem Narziss ist vermutlich eine ganz andere Laus über die Leber gelaufen. Sie sind nur die Fliege an der Wand und er braucht jetzt eben einfach ein Ventil.

Der Narziss hat immer Recht
Wenn Sie dann nämlich auch noch anfangen zu argumentieren, wird er Ihnen todsicher so lange das Wort im Mund verdrehen, bis Sie vor aller Welt als Vollidiot dastehen. Der Narziss hat immer Recht. Besonders dann, wenn er vollkommen daneben liegt. Er versteht es auf geradezu unheimliche Weise, alle anderen ins Unrecht zu setzen. Niemand ist so versiert darin, das abgrundtief Schlechte aus anderen heraus zu kitzeln, wie der Narziss. Und irgendwie gelingt es ihm immer, dass Sie es sind, der schließlich ein schlechtes Gewissen hat.

Die narzisstische Zwickmühle
Immer dann, wenn Ungemach droht und der Narziss sich angegriffen oder auch nur unzureichend wertgeschätzt fühlt, manövriert er seine Widersacher in verzwickte Situationen. Wenn er Sie in der Zwickmühle hat, haben Sie die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub:

Entweder Sie begeben sich in den Rechtfertigungs-Modus: Sie erklären, dass alles ganz anders gemeint war. Oder Sie wählen den Konflikt-Eskalations-Modus: Sie beharren darauf, dass er Sie missverstanden hat. Am besten, Sie wählen jetzt die am wenigsten falsche Möglichkeit. Oder noch besser: Suchen Sie möglichst geräuscharm das Weite und begeben Sie sich erst wieder in seinen Radius, wenn er ein neuen Wirkungskreis gefunden hat. Was Gott sei dank meistens ziemlich schnell der Fall ist.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie gründlich einen der Narziss missverstehen kann, wenn er das möchte. Er will es ja nicht wirklich, aber manchmal macht es eben einfach Klick in seinem Kopf. Und dann genügt schon ein einziges falsches Wort, ein irritierender Blick, ein schiefes Lächeln, um in Teufels Küche zu kommen. Versuchen Sie also gar nicht erst, sich da
wieder heraus zu winden.