besondersAuserwählt
Ein Prototyp ist Sam Vaknin nicht nur aufgrund seiner außergewöhnlichen Persönlichkeitsstruktur, sondern auch deswegen, weil er (nach eigenem Bekunden) nichts weniger als "eine kosmische Mission auf Erden“ erfüllt. Aber das ist eben nun einmal in aller Bescheidenheit die Berufung des Narzissten: Er ist schlicht auserwählt. Von einer wie auch immer gearteten kosmischen Entität. Über die ist nichts Näheres bekannt. Aber genau das macht sie zu einer grandiosen Projektionsfläche für jede ganz individuelle Heilsvorstellung.

Der Narziss wird jedenfalls mit großer Wahrscheinlichkeit zu den 144.000 Auserwählten gehören, die dereinst gerettet werden. Kurz vor dem endgültigen Untergang der Erde. Von einer in Kreuzformation heran eilenden Flotte von Raumschiffen der Santiner vom Planeten Alpha Zentauri. Denn gerettet werden ausdrücklich nur wenige handverlesene Menschen. Nämlich die, welche als so genannte Evolutions-Agenten die Evolution voran gebracht und sich somit als würdig erwiesen haben, weiter zu existieren. Die Santiner-Theorie stammt ausnahmsweise nicht von Vaknin, sondern geistert schon lange in der Esoterik-Szene herum. Einer Szene übrigens, in der sich Narzissten besonders gerne tummeln, weil ihre absonderlichen Botschaften dort auf goldenen Boden fallen.

Alle anderen Erdenbürger sind dann dem sicheren Untergang geweiht. Das ist bedauerlich, interessiert aber niemanden wirklich, da sie ohnehin viel zu unbedeutend sind. Nur wirklich grandiose Biografien kommen in den Genuss der Anwartschaft auf Teilhabe am geistigen Weltkulturerbe.

Der kosmische Plan
Diese kosmische Entität jedenfalls hat einen großen Plan, so Vaknin. Sie entwirft eine Art Drehbuch für das Erdendasein der wenigen Auserwählten. Dieses Drehbuch hat die Tendenz, sich während der gesamte Lebensspanne des Narzissten immer weiter zu verdichten. Das alleine ist doch wohl schon Grund genug dafür, das Leben und Wirken des Narzissten mit der gebotenen Ernsthaftigkeit zu betrachten.

Es sei dabei nur am Rande erwähnt, dass die Funktion und Daseinsberechtigung dieser kosmischen Entität im Gedankengebäude des Narzissten lediglich darin besteht, ihm zu der Bedeutung zu verhelfen, die ihm naturgemäß zusteht. Es wäre jetzt wirklich sophistisch, kleinlich und unverzeihlich engstirnig, zu erwähnen, dass wir uns hier in einem grandiosen Zirkelschluss bewegen.

Welt rettenEben mal die Welt retten...

Der Narziss hat unbenommen das große Talent auf beinahe jedem offiziellen Anlass in unzählige und unsägliche diplomatische Fettnäpfe zu springen. Er wird davon geradezu magnetisch angezogen. Gleichzeitig hechelt ein ganzer Stab hilfloser PR-Agenten atemlos hinter ihm her, um sich immer neue, fadenscheinige Erklärungen für seine peinlichen Fehlleistungen auszudenken.

Es ist vollkommen unmöglich, alle Fettnäpfe vorherzusehen, in die ein Narziss springen kann. Noch unmöglicher ist es allerdings, den Narzissten direkt darauf hinzuweisen, dass er sich gerade ganz arg daneben benimmt. Von seinen Beratern traut sich das jedenfalls keiner. Selbst wenn es sich dabei um einen diplomatischer Fauxpas von einer Größenordnung handelt, der selbst den härtesten Knochen im politischen Gewerbe den Atem stocken lässt. Aber der Narziss hat ja auch immer einen guten Grund dafür:

Er muss die Welt retten!

Eine Mission kosmischen Ausmaßes
Diese Idee zu diesem Kapitel stammt bedauerlicherweise nicht von mir, sondern von einem der wenigen real existierende Narzissten, die sich zu ihrem hochgradigen Narzissmus auch tatsächlich bekennen: Sam Vaknin. Ihm gebühren für sein selbstloses Outing zahlreiche Pluspunkte und meine neidlose Anerkennung.

Sam Vaknin, der sich selbst als "Psychopath" bezeichnet, ist sozusagen der Prototyp des Hardcore-Narzissten und er ist stolz darauf. Vaknin hat eine Berufung: Die Aufklärung der Menschheit über das Innenleben des Narzissten. Dieses Ziel verfolgt er vollkommen humorlos und mit missionarischem Eifer. Zum Beispiel indem er das Internet zutextet und die ganze Welt mit Büchern und Videos beglückt, die sich nur einem Gegenstand widmen: Seinem eigenen einzigartigen und denkwürdigen Seelenzustand.

Das Studium seiner Selbst-Reflektionen erfordert ein gewisses Maß an Masochismus, ist aber unbenommen aufschlussreicher als jedes Lehrbuch. Auch wenn sie ihn offenbar keineswegs auch nur ansatzweise dazu veranlassen, sich selbst und sein Verhalten in Frage stellen oder gar zu ändern. Aber wie sollte es auch anders sein.

Niccolo MachiavelliNarzisstische Politiker
Im Grunde steckt in jedem von uns ein kleiner Weltverbesserer. Eigentlich wissen wir doch alle, wie es geht. Es wäre im Grunde ziemlich einfach, wenn wir nur an der Macht wären. Aber den Machiavelli haben wir schon mal drauf. Im Vergleich mit echten Narzissten sind wir jedoch ziemlich kleine Lichter. Der ist nämlich nicht nur viel wichtiger als unsereins, sondern vor allem berühmt-berüchtigt für eitle Eskapaden jenseits jeglichen guten Geschmacks.

Kleiner-Mann-Syndrom
Gerade unter den Regierungsoberhäuptern dieser Welt treffen wir sehr häufig auf einen Prototyp, der schon im alten Rom von sich reden machte: Den Narzissten, der nicht nur aufgrund seiner gefühlten Minderwertigkeit nach Großem strebt, sondern weil er tatsächlich von Natur aus ein wenig zu kurz gekommen ist.

Das Phänomen ist auch als "Kleiner-Mann-Syndrom" bekannt. Hier muss jeder Zentimeter einzeln kompensiert werden. Der kleine Narziss ist erst zufrieden, wenn er unter dem Beinamen "der Große" in die Geschichte eingeht. Auch wenn das bedeutet, dass er mit
sämtlichen über Jahrhunderte hinweg verbrieften Regeln der politischen Diplomatie brechen muss. Selbst mit denen, die bis dahin von allen Oberaffen, Häuptlingen, Kaisern und Päpsten in Ausübung der höchsten politischen Funktionen strikt eingehalten wurden, um die Würde des Amtes nicht zu gefährden.

Und wir sprechen jetzt nicht davon, dass sich Politiker heutzutage die Falten auf Wahlplakaten wegretuschieren lassen, um mit über 70 immer noch einen auf jugendlicher Gigolo zu machen. Oder darüber, dass sie ihre Haare färben oder Mieder mit Popo-Push-Ups unter den auf ihre nicht vorhandene Taille geschnittenen Hosenanzügen von der Stange tragen. Das geht schließlich alles noch unter der Rubrik "eitle Macken" durch, die man für gewöhnlich unter "allzu menschlich und vollkommen harmlos" verbuchen kann. Ein bisschen narzisstisch sind wir schließlich alle.

Charisma und Berufung
Alle Berufe, die der Narziss so gerne ergreift, selbst die, die ein bisschen wissenschaftlich angehaucht sind, haben eines gemeinsam: Sie berufen sich auf höhere Instanzen. Auf göttliche Inspiration oder andere namhafte Autoritäten. Auf angeblich fundierte Erkenntnisse, auf mehr oder weniger solide Erfahrungswerte oder auch einfach auf das ganz persönliches Charisma und die Berufung des Ausübenden. Und sie haben noch eine Gemeinsamkeit:

Sie können ihren eigenen Wert oder den ihrer Zunft offenbar nur durch einen faulen Kompromiss behaupten: Nämlich, indem sie die Fehler, die sie zwangsläufig begehen, weil sie nämlich wider Erwarten auch nur Menschen sind, nach allen Regeln der Kunst vertuschen.

Bismarck VerkleidungenNichts Großes wurde ohne Narzissten vollbracht
Der Narziss ist jedenfalls überwiegend in solchen Berufsgruppen anzutreffen, die mit Macht und Reichtum, großem Ansehen und einer einzigartigen Mission einhergehen. Er ist der geborene Entertainer und läuft im Grunde erst richtig zur Hochform auf, wenn er in seine Robe schlüpft. Oder eben in jede andere Uniform, die seiner Berufung Nachdruck verleiht.

Man trifft in für gewöhnlich auf den Show-Bühnen dieser Welt, in den Politischen Zirkeln, Sportstadien und Kampfarenen rund um den Globus an. Er glänzt überhaupt überall dort, wo Hauen und Stechen angesagt ist. In Aufsichtsräten und Finanzzentren, in Kathedralen und Medienhäusern sowie in den Hauptquartieren von Regierungen und Militär. In höchsten diplomatischen Kreisen und sehr geheimen Zirkeln. In Guerillabewegungen und in der Mafia.

Er kreist wie ein Komet am Horizont unseres Planeten und zieht in seinem Schweif zahllose Wichtigtuer und Adlaten, Stars und Sternchen hinter sich her. Und gelegentlich stürzen Kometen eben auch mal ab. Mitsamt allem Gedöns hintendran. Weltwunder, Kriege oder Finanzkrisen - nichts Großes wurde je ohne Narzissten vollbracht...

Friedrich Wilhelm I. (Preußen)Überall, wo Leistung mit Ruhm und Ehre, Macht und Geld honoriert wird, läuft der Narziss zur Hochform auf. Weniger um der Sache selbst willen, als um mit Glanz und Gloria zu brillieren.

Viele Berufe sind für ihn vor allem deswegen so attraktiv, weil sie ihm so mannigfaltige Möglichkeiten bieten, Pluspunkte zu sammeln und somit auf seine ganz persönlichen Kosten zu kommen. Sie werden umso attraktiver, je mehr sie im Ruch von Altruismus stehen. Und bei jedem dieser Berufe stellt sich die Frage: Was war eigentlich zuerst - die Henne oder das Ei?

Also: Haben die Narzissten den Job erfunden, weil sie mächtig und wichtig sein wollten oder war er deswegen so attraktiv, weil die Funktion einfach irgendwie notwendig für das Zusammenleben von Menschen war und ihre Ausübung Macht und Bedeutung verhieß?

Déformation professionnelle
Die Deformation wird jedenfalls meistens schon in die Profession mitgebracht und ist die Profession selbst erst einmal deformiert, wird sie fürderhin umso attraktiver für Narzissten. Wie es der Zufall will handelt sich bei vielen dieser Berufe um solche, die einen beträchtlichen Spielraum für Interpretationen zulassen. Wie zum Beispiel all jene, die sich mit höheren geistigen Sphären befassen. Diese entziehen sich eben nun einmal der wissenschaftlichen Analyse und sei es auch nur in ihren Teilbereichen. Also praktisch alle, die den Menschen betreffen. Außerdem sind ja auch die Wissenschaften ihrer Natur nach ziemlich relativ.

Aber einige Metiers sind eben besonders ganz relativ und damit für den Narzissten umso attraktiver: Seelsorge, Pädagogik, Therapie und Medizin zum Beispiel. Sowie all jene Berufe, die über die Spielregeln des Zusammenlebens entscheiden oder qua Profession sozusagen darüber erhaben sind wie Politiker, Richter, Anwälte und Professoren. Und ganz speziell natürlich diejenigen, die sich sowohl den allgemein üblichen Spielregeln als auch der Wissenschaft vollständig entziehen wie zum Beispiel Künstler, selbst ernannte Gurus, Propheten und Wunderwirkende jeglicher Couleur.

Albrecht Dürer Betende HändeGib, damit dir gegeben wird
Die (beinahe) vollkommene Selbstlosigkeit des Narzissten reicht bis hin zur Selbstaufopferung. Jedoch - wie durch Zauberhand - kommt ihm wieder einmal alles, was er ja eigentlich für andere tut, vor allem selbst zu Gute. Meistens jedenfalls. Denn auch der Narziss ist nicht vor grandiosen Fehlentscheidungen gefeit, schon weil er generell dazu neigt, die Realitäten fatal zu verkennen.

So wurde schon manch einer nach einem entbehrungsreichen und aufopferungsvollen Leben aus tiefster Nächstenliebe weit emporgehoben über den Rest der Menschheit. Ich sage nur: Mutter Theresa. Das funktionierte aber nur, wenn das Leben dieses engelsgleichen Wesens noch entbehrungsreicher und noch aufopferungsvoller war, als das aller bisher bekannten Altruisten und Wohltäter der Menschheit. Und wenn man es irgendwie schaffte, damit die Aufmerksamkeit der entscheidenden Instanzen auf sich zu ziehen. Das gab einen satten Bonus auf dem Pluspunkte-Konto. Zum Beispiel durch Heiligsprechung. Man bekam dafür einen Platz an der Sonne. Direkt neben dem lieben Gott. Denn der ist ja sozusagen die Ikone aller Narzissten - allmächtig, unfehlbar und in seiner Art wirklich einzigartig.

Die Heiligsprechung war früher in etwa das, was heute der Oskar ist. Eine enorm hohe Auszeichnung, die aber damals bedauerlicherweise meistens erst postum erfolgte. Zu lange, um darauf zu warten, wie Narzissten heute finden. Deswegen sind grandiose Altruisten und Wohltäter der Menschheit auch sehr selten geworden.

Auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit
Der vom Allmächtigen selbst berufene Narziss opfert willig alle weltlichen Bedürfnisse. Er selbst glaubt zumindest ganz fest daran. Der jeweils zuständigen (und im Gegensatz zum Narzissten beinahe beliebig austauschbaren) Gottheit auf Erden ist er als Stellvertreter auf seinem der Wirklichkeit entrückten Posten aber allemal näher als dem Volk. Damit ist er auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit schon einen beträchtlichen Schritt weiter gekommen. Denn letztendlich ist auch der liebe Gott nur eine Figur auf dem narzisstischen Schachbrett.

Da kann man schon mal vergessen, dass man auch nur ein Mensch ist, der in Ausübung seines Amtes gelegentlich über den eigenen Schatten stolpert. Denn den hat er ja nun an der Garderobe zum Priestertum abgegeben. Eigentlich. Es nimmt also kein Wunder, dass die bösen Heimsuchungen aus der Schattenwelt rein zufällig in unmittelbarer Relation zu der zur Schau gestellten Frömmigkeit stehen. Denn irgendwo brechen sich diese gottverdammten weltlichen Bedürfnisse halt doch wieder Bahn
und mitunter platzt halt das göttliche Ventil.

narzisstischer ChefNarzisstische Kollegen sind nur schwer zu ertragen. Dies gilt in potenzierter Weise für Narzissten in Chefetagen. Es ist dabei für deren Mitarbeiter meist wenig tröstlich zu wissen, dass echte Narzissten mieses Karma haben, weil sie komplett unfähig zu uneigennützigem Handeln sind. Es kann zwar durchaus vorkommen, dass sie vordergründig uneigennützig handeln, viel wahrscheinlicher ist aber, dass sie sich aus sehr pragmatischen Erwägungen erfolgreich die Fassade des selbstlosen Altruisten überstülpen. Denn auch das ist letztlich nur eine besondere Spielart des narzisstischen Gutmenschen - das grandiose Überhelfertum.

Diese Facette zeichnet sich vor allem durch ungeheuerliche Bescheidenheit bis hin zur Nichtexistenz und eine Fürsorglichkeit aus, welche sich vor allem dadurch hervor tut, dass eigentlich niemand darum gebeten hat. Der wohltäterische Narziss findet für sämtliche niemals erbetenen Hilfs- und Rettungsaktionen stets wirklich gute Gründe, die auf den ersten Blick sogar vernünftig erscheinen. Es macht die Sache nicht viel besser, dass er selbst an diese guten Gründe glaubt. Würde er etwa jemandem helfen, nur um ihn zu manipulieren? Ein absurder Gedanke!

Narzissten lieben schöne Fassaden
Narzissten lieben Berufe mit schönen Fassaden: repräsentative Ornate, weiße Kittel und Nadelstreifenanzüge, prunkvolle Kathedralen mit barockem Interieur und eindrucksvollen Glasfassaden. Kurzum diesen aristokratisch-elitären Flair, mit dem sich die Mächtigen dieser Welt seit Menschengedenken so gerne umgeben. Er hat ein ausgesprochenes Faible für Emporen aller Art, weil er selbst zu den Erhöhten gehört, und stellt dafür gerne einiges hinten an. Zum Beispiel in Ausübung der Profession eines Priesters. Denn dieser erhebt sich über den Rest des gemeinen Volkes, wie es dem Narzissten nun einmal gebührt. Er ist dabei auch noch von einer ganz besonderen göttlichen Aura umgeben. Ein Kommunikator zwischen Diesseits und Jenseits von Gottes Gnaden.

Religiöse Lehrsätze sind seine Spezialität, besonders wenn sie vor der Vernunft vollkommen unhaltbar sind und dem gesunden Menschenverstand total zuwider laufen. Denn wenn sich die Gläubigen dann heillos in diesem Labyrinth verirrt haben, ist der geistige Führer der einzige, der den Ausweg kennt.

Immer auf der Gewinnerseite
Wenn Sie beabsichtigen, ein rationales Gespräch mit dem Narziss zu führen, kommt er garantiert auf Emotionen zu sprechen. Wollen Sie aber über Gefühle reden, verabschiedet er sich elegant auf das sichere Terrain der Rationalität. Irgendwie schafft er es jedenfalls immer, am Schluss aus Gewinner aus einer Auseinandersetzung heraus zu gehen, die im Grunde niemals zu Stande gekommen ist.

Sollte es Ihnen doch einmal gelingen, den Narziss in die Ecke zu drängen, hat er immer noch ein vollkommen entwaffnendes Manöver auf der Rückhand: Er wird Ihnen einfach vorwerfen, dass Sie ihn allzu sehr idealisiert haben. Er sei schließlich auch nur ein Mensch. Ist es etwa seine Schuld, dass Sie ihn so verkennen? Und im Zweifelsfall hat er selbst für seine Konfliktscheu noch einen guten Konter in petto: Es ist nämlich so, dass er das rationale Gespräch bevorzugt und emotionale Gefechte verabscheut, während Sie den Streit ja ganz offensichtlich regelrecht suchen und von vorne herein auf Krawall gebürstet sind.

SuenenbockSchuld sind ohnehin immer die anderen...
Sieht er seine Felle davon schwimmen, könnte sich der Narziss im Extremfall sogar dahin versteigen, zu beteuern, wie sehr er auf Ihre Liebe und Ihr Verständnis angewiesen ist, damit er sich ändern kann. Aber nun, da er sich dessen nicht mehr so gewiss sein könne, gebe es ja auch keinen Grund mehr, sich zu ändern. Mit unabsehbaren Konsequenzen, die nun wiederum alleine von Ihrem Wohlverhalten abhängen...

Kurzum: Es kann in Konflikten nur einen Sieger geben - den Narzissten. Was schon alleine daran liegt, dass der Narziss keine Fehler macht. Schuld sind immer die anderen. Das mag manch einer als Affront verstehen, doch der Narziss ist ja noch nicht einmal ein tollkühner Wortverdreher. Jedenfalls nicht absichtlich. Denn er ist schließlich felsenfest von seiner
Wirklichkeit überzeugt.

SonnenuhrEitel Sonnenschein
Das Ausblenden der Realität, in der Psychlogie auch Verdrängung genannt, beherrscht niemand so brillant wie der Narziss. Nur er vermag den alten Spruch:

"Mach es wie die Sonnenuhr - zähl‘ die schönen Stunden nur!“

tatsächlich wortwörtlich zu befolgen. Er blendet überhaupt alles aus, was ihm missfällt. Dazu gehören zum Beispiel auch Konflikte. Darunter fällt außerdem im Wesentlichen alles, was an seinem Lack kratzen könnte. Er versteht sich meisterlich darauf, Gesprächen, die eine bedrohliche Richtung einschlagen, eine elegante Wendung zu verleihen. Entweder knapp an der Sache vorbei auf (für ihn) sicheres Terrain oder aber auch in Form eines Bumerangs, der den Angreifer postwendend tödlich am Schädel trifft.

Aber grämen Sie sich nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind Sie nicht einmal persönlich gemeint. Dem Narziss ist vermutlich eine ganz andere Laus über die Leber gelaufen. Sie sind nur die Fliege an der Wand und er braucht jetzt eben einfach ein Ventil.

Der Narziss hat immer Recht
Wenn Sie dann nämlich auch noch anfangen zu argumentieren, wird er Ihnen todsicher so lange das Wort im Mund verdrehen, bis Sie vor aller Welt als Vollidiot dastehen. Der Narziss hat immer Recht. Besonders dann, wenn er vollkommen daneben liegt. Er versteht es auf geradezu unheimliche Weise, alle anderen ins Unrecht zu setzen. Niemand ist so versiert darin, das abgrundtief Schlechte aus anderen heraus zu kitzeln, wie der Narziss. Und irgendwie gelingt es ihm immer, dass Sie es sind, der schließlich ein schlechtes Gewissen hat.

Die narzisstische Zwickmühle
Immer dann, wenn Ungemach droht und der Narziss sich angegriffen oder auch nur unzureichend wertgeschätzt fühlt, manövriert er seine Widersacher in verzwickte Situationen. Wenn er Sie in der Zwickmühle hat, haben Sie die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub:

Entweder Sie begeben sich in den Rechtfertigungs-Modus: Sie erklären, dass alles ganz anders gemeint war. Oder Sie wählen den Konflikt-Eskalations-Modus: Sie beharren darauf, dass er Sie missverstanden hat. Am besten, Sie wählen jetzt die am wenigsten falsche Möglichkeit. Oder noch besser: Suchen Sie möglichst geräuscharm das Weite und begeben Sie sich erst wieder in seinen Radius, wenn er ein neuen Wirkungskreis gefunden hat. Was Gott sei dank meistens ziemlich schnell der Fall ist.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie gründlich einen der Narziss missverstehen kann, wenn er das möchte. Er will es ja nicht wirklich, aber manchmal macht es eben einfach Klick in seinem Kopf. Und dann genügt schon ein einziges falsches Wort, ein irritierender Blick, ein schiefes Lächeln, um in Teufels Küche zu kommen. Versuchen Sie also gar nicht erst, sich da
wieder heraus zu winden.

KämpferAlles ist relativ

Der Narziss ist in seinen Weltanschauungen außerordentlich flexibel und zudem äußerst geschickt darin, seine wahren Absichten und Ansichten zu verschleiern. Sogar vor sich selbst. Er wählt seinen Standpunkt jeweils nach der Perspektive desjenigen Betrachters, von dem er sich am meisten verspricht. Ansonsten besteht sein Weltbild für gewöhnlich aus einem bunten Strauß der gängigsten Überzeugungen, die gerade in seiner Referenzgruppe angesagt sind. Substanz ist dabei eher hinderlich. Die Wirkung zählt. Wenn ihm zum Beispiel am Wohlwollen eines Tierschützers liegt, wird er mit Verve gegen die Produktion von Gänsestopfleber wettern. Was ihn keineswegs daran hindert, am darauffolgenden Tag gegenüber einem französischen Geschäftskollegen beim gemeinsamen Dinner seine Begeisterung für die köstliche Foie gras kund zu tun.

Ein gerechter Kämpfer
Wenn er von etwas überzeugt ist, dann total. Und wenn er fünf Minuten später vom genauen Gegenteil überzeugt ist, dann absolut maximal. Der Narziss ist ein gerechter Kämpfer für die Sache. Für welche auch immer. Ein durch und durch fanatischer Bratwurst-Vegetarier. Aber wenn es gerade opportun ist, konvertiert er eben widerstandslos zur gegnerischen Partei. Je nachdem, was seinem Seelenheil gerade zuträglicher erscheint. Das Christentum ist schön und gut, aber 72 Jungfrauen sind schließlich auch nicht zu verachten.

Beim Thema Stopfleber mag man vielleicht noch geneigt sein, das als nette Marotte abzutun. Wirklich spannend wird es erst bei einem umgedrehten Doppelagenten mit einer Atombombe im Handgepäck. Aber egal, in welcher Zwickmühle er sich auch befindet, irgendwie schafft er es meistens, sich da wieder heraus zu winden und am Schluss sogar Recht zu behalten. Schon weil er den Endsieg so hartnäckig verfolgt, dass alle anderen unterwegs längst die weiße Fahne gehisst haben und kurz vor dem Ziellauf erschöpft zusammen brechen. Deswegen hat er auch das Potential, als Held in die Geschichte einzugehen.

FarbspektrumDer Narziss ist ziemlich farbenblind, wenn es um sein Gefühlsspektrum geht. Während gewöhnliche Menschen eine große Palette verschiedener emotionaler Facetten unterscheiden können, kann der Narziss nur schwarz oder weiß, gut oder böse, plus oder minus. Minus definiert sich durch seinen Standort, denn er selbst ist natürlich immer im Plus. So lange wir ihm das bestätigen, dürfen wir damit rechnen, von seiner Sonnenseite beschienen zu werden. Sollten wir ihm allerdings - und sei es auch nur versehentlich – auf den Schlips treten, kann sich der eben noch strahlend blaue Himmel ganz schnell verdüstern.

Der Narziss hat keine Fehler
Schwarz, böse und minus sind selbstverständlich immer nur die anderen. Der Narziss selbst ist natürlich weiß und gut. Er hat keine Fehler. Er macht auch keine. Und für den außerordentlich unwahrscheinlichen Fall, dass er doch einmal bei einem Fehler ertappt werden sollte, hat bestimmt ein anderer Schuld. Er selbst war nur ein bedauernswertes Opfer der Umstände, ist aber keinesfalls für irgendetwas verantwortlich zu machen.

Das gilt in gleicher Weise für alle anderen Widrigkeiten des Lebens. Wird er mit unerfüllbaren Anforderungen konfrontiert, ist er leider verhindert, zum Beispiel aufgrund hypochondrischer Attacken. Deren Schweregrad steht unmittelbar in Relation zur Dimension der jeweiligen Anforderung. Bei Konflikten ergreift er spornstreichs die Flucht in alle verfügbaren Ausflüchte und seien sie auch noch so fadenscheinig. Und wenn das alles nicht hilft bleibt nur noch die Flucht nach vorne - in die Aggression.

Der Narziss handelt niemals nur aus dem Bauch heraus. Sein ganzen Tun und Sinnen ist immer von tiefgründigen rationalen oder hehren moralischen Erwägungen geleitet. Selbst dann, wenn er diese philosophischen Konstrukte erst ein paar Stunden später hinterhergeschoben hat, um seinem Handeln mehr Bedeutung zu verleihen. Er verfügt über ein ethisch fragmentiertes Gehirn: Moralische Grundsätze, die einander widersprechen könnten, sind in vollkommen voneinander unabhängigen Arealen abgespeichert, so dass sie nicht miteinander kollidieren können. Das gilt natürlich in gleicher Weise für alle anderen Standpunkte, die miteinander in Konflikt geraten könnten, sowie für widerstreitende Gefühle.

FliegenpilzWozu machen wir eigentlich so merkwürdige Dinge wie Selbstdarstellung und Imagepflege? Nun, wir sammeln damit Pluspunkte bei anderen. Das tut uns eben einfach gut. In dem Maße, indem uns andere mögen, steigen nämlich auch die Chancen, dass unsere Bedürfnisse befriedigt werden. So weit, so gut.

Leider sind die Strategien des Narzissten dabei allzu durchsichtig und nicht besonders nachhaltig. Was, wie schon gesagt, vor allem daran liegt, dass sein Repertoire an sozialen Verhaltensmustern ziemlich rudimentär ist. Und weil er sich generell für klüger hält, als alle anderen, vor allem aber für klüger, als er tatsächlich ist. Man würde ihm daher durchaus manchmal etwas mehr Raffinesse in der Ausführung seiner Finten wünschen. Schon, weil es dann für alle anderen einfach unterhaltsamer wäre.

Der Narziss sammelt Pluspunkte...
Auch der Narziss sammelt leidenschaftlich. Neben Symbolen, Trophäen und Minuspunkten für die anderen sammelt er vor allem Pluspunkte für sich selbst. Jede seiner scheinbar noch so unschuldigen Aktionen ist im Grunde lediglich ein Kreditantrag auf noch mehr Pluspunkte. Das Sammeln von Pluspunkten ist sozusagen sein Lebensinhalt. Weil all sein Sinnen und Trachten nur einem übergeordneten Ziel dient: Seiner eigenen Bedürfnisbefriedigung. Deswegen achtet er immer darauf, dass sein Konto gut mit Payback-Punkten gefüllt ist. Diese Punkte kann man nämlich bei Bedarf einlösen. Im Gegenzug erhält man dafür Dinge, die der eigenen Bedürfnisbefriedigung dienen.

...und Minuspunkte für die anderen
Auf diesem Konto wird auch das berauschende Gefühl des Neids und der Missgunst in den Augen der anderen verbucht. Außerdem scannt der Narziss jede neue Bekanntschaft akribisch daraufhin, ob er sie im Hinblick auf seinen Punktestand zu seinem Vorteil nutzen kann. Die entscheidende Frage lautet also: Wie viele Punkte bringt er oder sie ein?

Viele? Dann wird er oder sie in den Kreis der Freunde aufgenommen und es stellt sich die nächste wichtige Frage: Wie kann ich mir diese Person verpflichten? Daher sammelt er im Geiste schon einmal vorsorglich Schuldscheine mit Minuspunkten für alle Mitmenschen, die ins seinen näheren Dunstkreis gelangen. Für den Tag der Abrechnung.