Der ideale Co-Narziss - nur schmuckes Beiwerk?

Die jeweiligen Partner an der Seite des Narzissten erscheinen oft eigentümlich beliebig, wahllos und irgendwie austauschbar. Hauptsache aber vorzeigbar. Das liegt daran, dass der Narziss sich sowieso am liebsten selbst heiraten würde, wenn er könnte. Was auch gar nicht so selten vorkommt. Einen Partner braucht er eigentlich nur, weil er

  1. gewisse Bedürfnisse hat, zu deren kontinuierlicher Befriedigung es einer Ich-Erweiterung bedarf,
  2. es gute PR einbringt,
  3. er sich gerne selbst reproduzieren möchte.

Mechanische PuppeDer ideale Co-Narziss...

Der ideale Co für den Narzissten ergänzt ihn perfekt und repräsentiert jeweils das, was dieser am Dringendsten benötigt. Seine tragende Rolle ist es, als schmuckes Beiwerk neben dem Narziss zu glänzen und ihm ansonsten den Popo hinterher zu tragen und sich durch Servilität bis hin zur Nichtexistenz hervorzutun. Daran scheitern auch die meisten Promi-Ehen. Wenn nämlich das Beiwerk plötzlich selbst ins Rampenlicht drängt und deswegen seine Pflichten gegenüber dem Narziss vernachlässigt.

Die perfekte Lösung wäre ohnehin ein individuell programmierbarer Android. So wie in der schönen Geschichte von E.T.A. Hoffmann, die zu jener Zeit spielt, als Frauen noch systematisch zu Co-Narzissten herangezüchtet wurden, was bis ungefähr Mitte des 20. Jh. der Fall war:

Nathanael besucht die schöne Olimpia und plaudert mit ihr. Er weiß es sehr zu schätzen, dass sie so gut zuhören kann. Er redet und sie nickt immer wieder sehr freundlich und ermunternd. Er fühlt sich endlich verstanden und geliebt. Nathanael hält um ihre Hand an und Olimpias Papa ist sehr angetan von der Verbindung. Aber dann, beim Tanzen, geht der Automat kaputt. Nathanael verfällt daraufhin dem Wahnsinn. Die Anwesenden bedauern den Ärmsten sehr und fordern, man müsse den Bau solcher Puppen verbieten. Weil sie so lebensecht sei, dass man das nicht merkt. Und das wäre schließlich Betrug...

GockelDie Monotonie der Monogamie

Die Beziehungsstruktur des Narzissten liegt auch darin begründet, dass die Monogamie erst in einer ziemlich späten Phase der Evolution dran war und sich bis heute eigentlich nur bei Männchen mit niedrigem Sozialstatus wirklich durchgesetzt hat. Aber eben noch nicht bei den Alpha-Männchen. Oder solchen, die sich dafür halten.

Treu nur Mangels Alternativen

Sollte der Narziss dennoch ausnahmsweise über einen längeren Zeitraum hinweg jemandem die Treue halten, dann nur mangels alternativer Gelegenheiten oder aufgrund der Androhung gravierender Sanktionen, vor allem solcher, die seinem Image schaden könnten.

Apropos Sozialstatus: Der Narziss sucht sich gerne Partner, die ihm Hinblick auf Intelligenz, Bildung und soziale Herkunft unterlegen sind. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Sie sind besser zu kontrollieren und leichter zu manipulieren. Das hat Vorteile. Für beide.

Der Narziss muss gefüttert werden und braucht seine Ich-Erweiterungen wie die Luft zum Atmen. Im Gegenzug sorgt er dafür, dass es seinem Umfeld gut geht. Schon, damit es ihm selbst gut geht. In diesem Sinne ist er durchaus zu überschwänglicher Fürsorge fähig. Umso mehr, je mehr die Sorge, die er anderen angedeihen lässt, auch seinem eigenen Wohlergehen dient.

Selbst nach seinem Tode möchte er noch gut dastehen. Glücklicherweise geht der Trend dabei heute eher weg von Pyramiden und hin zu Hinterlassenschaften, die für die Hinterbliebenen von unmittelbarem, geldwertem Nutzen sind.

Schmuckes Beiwerk
Die jeweiligen Partner an seiner Seite erscheinen dabei oft eigentümlich beliebig, wahllos und irgendwie austauschbar. Hauptsache aber vorzeigbar. Das liegt daran, dass der Narziss sich sowieso am liebsten selbst heiraten würde, wenn er könnte. Was auch gar nicht so selten vorkommt. Einen Partner braucht er eigentlich nur,

  1. weil er gewisse Bedürfnisse hat, zu deren kontinuierlicher Befriedigung es einer Ich-Erweiterung bedarf,
  2. es gute PR einbringt und
  3. er sich gerne selbst reproduzieren möchte.

WasserhahnTreue wird eindeutig überbewertet

Beziehungen mit einem Narzissten sind eine ziemlich relative Angelegenheit, denn beständiges Glück entspricht ja nun so gar nicht seinem Naturell. Dazu ist es einfach zu unspektakulär. Außerdem ist der Narziss von Natur aus eine treulose Tomate. Auch wenn er im Taumel der ersten Verliebtheit gerne das Gegenteil beteuert (und vermutlich sogar selbst für einen kleinen Augenblick daran glaubt).

Es geht ihm dabei keinesfalls nur um Sex oder ähnlich banale Dinge. Aber er leidet nun einmal wirklich darunter, wenn sein Lebenselixier versiegt und der beständig plätschernde Quell von Bewunderung, Anerkennung und Idealisierung nicht mehr üppig sprudelt sondern nur noch zaghaft tröpfelt.

Und das passiert merkwürdigerweise immer spätestens dann, wenn der Alltag einkehrt und das wirkliche Leben seinen Tribut fordert. Deswegen gehört das wirkliche Leben für den Narzissten auch nicht zu den wirklich erstrebenswerten Dingen.

Der Narziss bevorzugt die serielle Symbiose
Irgendwann ist eben normalerweise einfach Schluss mit der fortwährenden Überhöhung dank blinder Verliebtheit. Und Schuld daran ist natürlich der Co-Narziss. Weil er derjenige ist, der den Hahn zudreht. Was er möglicherweise auch deswegen tut, weil ihm endlich dämmert, dass der Fluss immer nur bergauf fließt. Deswegen ist das Beziehungs-Modell, das beim Narzissten wohl am häufigsten anzutreffen ist, die serielle Monogamie. Im fortgeschrittenen Lebensalter nimmt jedoch die Wahrscheinlichkeit einer seriellen Bigamie zu.

Der Narziss hat also, zumindest bis zu einem bestimmten Lebensabschnitt, meist keine sehr lange dauernden, sondern eher mehrere kürzere aufeinanderfolgende monogame Beziehungen, nahtlos oder mit Single-Phasen dazwischen. Und danach meist einen festen Partner und mehrere aufeinanderfolgende monogame Beziehungen daneben.

Wie auch immer. Jede Beziehung ist ohnehin nur ein verzweifelter Versuch, die Kollateralschäden seiner missglückten Kindheit zu reparieren und die anderen Teilnehmer am wirklichen Leben bleiben ihm sowieso auf ewig ein Rätsel, dessen Lösung er zeitlebens sucht.

Narziss und Co-NarzissBedingungslose Liebe

Der Narziss ist auf der Suche nach der bedingungslosen Liebe. Nach der Liebe eines Menschen, der seine Bedürfnisse bedingungslos befriedigt. Deswegen lebt er für gewöhnlich in Symbiosen. Entweder

a) mit sich selbst und seinem Spiegel oder
b) mit einem Co, in dem er sich fortwährend spiegelt.

Nun könnte man meinen, Variante b) sei seltener anzutreffen, da der Co-Narziss naturgemäß schon deswegen nicht perfekt sein kann, weil der Narziss ja selber immer und in allem der Beste ist. Doch dies ist nicht der Fall. Der Narziss ist nämlich durchaus lernfähig, wenn es für sein Image nützlich ist. Insofern kann so ein Co an der Seite des Narzissten ein durchaus nützliches Instrument im gesamtgesellschaftlichen Kontext sein.

Auch die Ehe ist dabei letztlich nichts anderes als ein Statussymbol. Der Narziss verleiht sich damit den letzten Feinschliff an Normalität und Seriosität. Außerdem hat er schließlich neben seiner einzigartigen Mission in dieser Welt auch noch ein paar Bedürfnisse. Diese machen mitunter persönliche Beziehungen zu anderen Menschen erforderlich. Da ist ein Ehegatte unter dem Strich und auf lange Sicht gesehen, auch unter den pragmatischen Kriterien der Kosten-Nutzen-Rechnung, die beste aller real existierenden Lösungen.

Ein optimal funktionierender Co wäre zudem die ideale Ergänzung im Hinblick auf die eigene Bedürfnisbefriedigung, würde er nur endlich lernen, dem Narzissten die Wünsche von den Augen abzulesen und keine Widerworte zu geben. Aber genau das ist halt auch das Problem des Co. Ansonsten wäre die Verbindung wirklich perfekt.

Der Narziss als Lebensaufgabe
Der Co ist für gewöhnlich eine treue Seele und findet im Narzissten seine Lebensaufgabe. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn es handelt sich dabei ganz gewiss um eine Aufgabe, die ihn sein ganzes restliches Leben ausfüllen wird. Doch die Hingabe des Co wird auch belohnt: der Narziss verleiht ihm dafür jene Bedeutung, die der Co bis dahin nie besaß. Als Teilchen im Ego-Puzzle des Narzissten.

Das kommt dem Co wiederum sehr entgegen. Daher wäre es schlicht überzogen, den Narzissten einfach nur als Parasiten zu bezeichnen. Obwohl er unbenommen ziemlich eigennützig ist. Denn für einen willigen und gefügigen Partner bringt die Beziehung zu einem Narzissten durchaus gewisse Vorteile mit sich. Man könnte auch sagen: Da haben sich einfach zwei gesucht und gefunden. Das kann sogar manchmal gut gehen und ist - nun ja - vielleicht auch so eine Art von Liebe?

Unzertrennlich - der Narziss und sein Co

Der Narziss und sein Co beiden bilden schon deswegen gerne ein Paar, weil sie sich so gut ergänzen. Was sie so inniglich miteinander verbindet, ist

  • das übersteigertes Bedürfnis nach Anerkennung,
  • ein mangelndes Selbstwertgefühl,
  • ihre verquere Logik,
  • die nicht vorhandene Wahrnehmung und
  • die hohe Kunst der Verdrängung.

Ansonsten würden sie es nämlich keine drei Tage miteinander aushalten. Der Narziss und sein Partner sind aber auf jeden Fall auf einer Wellenlänge - der des Narzissten.

Stan_OliverAus der Sicht des Narzissten gibt es für alles, was andere tun oder lassen, nur ein relevantes Bewertungs-Kriterium: seine eigenen Bedürfnisse. Irgendwie begreift selbst der, dass andere Menschen andere Bedürfnisse haben als er. Deswegen ist er ja so, wie er ist. Er findet es nur nicht logisch und schon gar nicht überzeugend, dass die Bedürfnisse anderer von den seinen abweichen. Warum sollte das, was ihm gut tut, nicht auch anderen gut tun? Deswegen ist er Zeit seines Lebens unerschütterlich darum bemüht, den anderen seine eigenen Bedürfnisse als ihre eigenen zu verkaufen. Was ihn nicht zwangsläufig zu einem guten Marketing-Spezialisten macht.

Spieglein, Spieglein...
Der Narziss braucht das Gegenüber. Als Spiegel. Um seine Idealvorstellungen von sich selbst zu komplettieren. Insofern hat ein menschliches Wesen eben auch gewisse Vorteile gegenüber einem Spiegel. Der andere soll ihn so sehen, wie er sein möchte. Wenn der andere ihn nämlich so sieht, dann ist er auch so. Selbst dann, wenn ihn der andere nur im Taumel seiner blinden Verliebtheit durch die rosarote Brille so sieht.

Der Co liebt den Narzissten meistens sehr. Zu sehr. Dafür bekommt er auch etwas im Gegenzug vom Narzissten. Liebe zum Beispiel. Na ja, sagen wir mal: So etwas ähnliches wie Liebe. Aber nur, wenn ihm der Co auch fortwährend bestätigt, dass er tatsächlich so ist, wie er sein möchte. Die Tatsache, dass er niemals so sein wird, bekümmert ihn dabei wenig. Der Partner allerdings sollte sich tunlichst von all seinen Selbstverwirklichungs-Projekten verabschieden. Er ist nämlich von Stund‘ an auch nicht mehr einfach nur der, der er nun einmal ist. Falls er denn jemals irgendetwas gewesen ist.

Don Quijotte und Sancho PansaDer Narziss, Partnerschaft und Nähe - ein Widerspruch in sich

Wer den Narziss ein bisschen besser kennt, wird irgendwann eigentümlich berührt feststellen, dass er ihn nicht wirklich kennt. Und vermutlich auch niemals wirklich kennen lernen wird. Weil es da nichts kennen zu lernen gibt. Außerdem will der Narziss auch gar nicht kennen gelernt werden. Auch das Kennenlernen geht nämlich mit so grässlichen Dingen wie Nähe einher.

Es gibt kaum einen besseren Small Talker als den Narzissten. Er plaudert gerne, bleibt dabei aber immer unverbindlich. Er erzählt mit Vorliebe Witze und Anekdoten und er liebt es, über andere zu tratschen, gibt aber dabei so rein gar nichts über sich selbst Preis. Das hat einen einfachen Grund: Es gibt nichts zu erzählen. Aber eben auch wirklich rein gar nichts.

Der Narziss hat eine schillernde Hülle. Er ist so eine Art Quantenzyklotron - ein künstliches Atom ohne Kern. Künstlich, weil er seine schillernde Fassade sozusagen aus dem Nichts selbst erschaffen hat.

Das macht ihn letztlich zu einer tragischen Figur im Drama des wirklichen Lebens, einem Münchhausen, der sich selbst am eigenen Schopf aus dem Sumpf zieht. Oder einem Don Quichotte, der gegen eingebildete Feinde kämpft – die Windmühlenflügel. Dazu gehört aber natürlich auch ein Sancho Panza an seiner Seite, der ihm treu ergeben überallhin folgt. Seine Ich-Erweiterung, der Co-Narziss. Es könnte aber ebenso gut ein Taschenhündchen sein.

Partnerschaft: Du willst es doch auch!
Der Narziss handelt nach der Devise: Im Krieg, in der Politik und in der Liebe ist alles erlaubt. Was auch darauf zurück zu führen ist, dass ihm so merkwürdige Dinge wie Partnerschaft, Nähe oder gar Vertrauen generell fremd sind. Er vertraut grundsätzlich niemandem, am wenigsten sich selbst. Dennoch geht auch der Narziss aus verschiedenen naheliegenden Gründen Beziehungen ein, bevorzugt mit einem Co-Narzissten.

WitzigHumor als Mittel zur Näheverhinderung

Der Narziss hat eine ganz besondere Spielart des Humors für sich entdeckt: Den Sarkasmus. Er benutzt die Ironie sozusagen als Keule, um die Realität damit totzuschlagen. Und als Instrument zur Verhinderung von so grässlichen Dingen wie Nähe. Er gehört zu den Vertretern jener Spezies, die anderen nonchalant und sozusagen im Vorübergehen böse auf die Füße treten, um dann jovial zu fragen: "Verstehen Sie denn gar keinen Spaß?" Haha...

Für den eher abwegigen Fall, dass er sich denn doch einmal selbst auf die Schippe nehmen sollte, erwartet er selbstverständlich, dass ihm die anderen sofort widersprechen und ihm umgehend versichern, dass er im Grunde ein feiner Kerl und keineswegs so schlimm sei wie behauptet. Oder, dass sie ihn gar darum beneiden, dass er so schlimm sei wie behauptet. Weil er, neben all den anderen unbestreitbaren Vorzügen wie Esprit und Eloquenz, auch noch die bewundernswerte Fähigkeit besitzt, über sich selbst zu lachen. Haha...

Auch Humor ist also letztlich nur ein Utensil aus der Trickkiste des Narzissten. Aber was ist denn nun eigentlich das Ziel der Übung? Ach ja, richtig! Punkte sammeln. Auf seinem Payback-Konto. Damit es irgendwann Zins abwirft - in Form von narzisstischer Bedürfnisbefriedigung.

Ja, der Narziss nimmt sich selbst durchaus ernst. Sehr sogar. Auch wenn er mitunter der einzige ist, der das (noch) tut. In seiner unreflektierten Selbstbespiegelung liegt das ganze Gewicht seiner Existenz. Leichtigkeit ist ihm ein unerträglicher Verdruss. Dazu ist sein Dasein schlicht zu bedeutungsvoll. Im Übrigen ist er viel zu beschäftigt, um sich mit solch profanen Dingen abzugeben. Meistens mit sich selbst. Da bleibt einfach wenig Spielraum für Humor.

Dabei ist Humor so eine wunderbare Sache. Er macht das wirkliche Leben gleich ein wenig erträglicher. Und mit ein ganz klein wenig Selbstironie wird nicht nur das Leben erträglicher, sondern auch man selbst - für andere und natürlich auch für sich selbst.

Humor

Der Narziss besitzt gute Instinkte. Und so etwas ähnliches wie Humor...

Der Narziss hat gut ausgeprägte Instinkte. Vor allem niedere. Und irgendwo in den Untiefen seines Reptiliengehirns regt sich auch so etwas wie eine leise Ahnung, dass er gegenüber der echten Art möglicherweise ein paar Defizite haben könnte. Und dass er möglicherweise aufgrund seiner besonderen Struktur doch vielleicht nicht so ganz kompatibel zum wirklichen Leben sein könnte.

Aber er zieht es dennoch vor, die echte Art als seltsame Exemplare einer fremden Spezies zu betrachten und weist den Gedanken, dass er selbst für die meisten anderen wie ein seltsames Exemplar einer fremden Spezies erscheinen könnte, weit von sich. Alles andere würde ja seine eigene Existenz grundlegend in Frage stellen und darf daher erst gar nicht gedacht werden.

Dabei greift er gerne auf einen alten Kalauer aus der Trickkiste von Mutter Natur zurück und der hat einen ungefähr ebenso langen Bart wie seine Art - die Mimikry. Der Narziss tut einfach so, als wäre er ein ganz besonderes Exemplar der echten Art, dieser ihm so grundlegend fremden Spezies, und ahmt sie zu diesem Zweck in ihren zwischenmenschlichen Ausdrucksformen täuschend echt nach.

Seine beinahe perfekte Tarnung besteht darin, dass er alles, was man im wirklichen Leben der echten Art zum Überleben braucht, selbst so merkwürdige Dinge wie zum Beispiel Gefühlsäußerungen, einfach fälscht oder imitiert. Wenn der Narziss also Signale der Liebe aussendet, ist das nicht etwa ein authentischer Selbstausdruck, sondern gewissermaßen eine Raubkopie.

Besitzen Narzissten eigentlich Humor?
Es gibt Momente im Leben, die kann man in der Tat nur dann erfolgreich meistern, wenn man sich auch mal das Lachen verkneifen kann. Zum Beispiel als Bestattungsunternehmer oder Berufspolitiker. Im Grunde sind Sie manchmal sogar besser dran, wenn Sie gar keinen Humor besitzen. Dann müssen Sie sich nämlich nie das Lachen verkneifen und alle Welt denkt, Sie seien vermutlich sehr intelligent und vor allem so souverän. Hier ist der Narziss ganz klar im Vorteil.

Ganz gleich, welchem Gebiet er sich auch immer widmet, er tut es mit unerbittlichem Ernst. Dabei können Narzissten durchaus so etwas ähnliches wie Humor besitzen. Selbstironie kommt allerdings eher selten vor und falls doch, dann verfolgt sie lediglich ein stets bewährtes Ziel: Die Stärkung des eigenen Ego.

Dabei ist Ironie im Grunde eine feine Sache. Wenn man sie beherrscht wird das wirkliche Leben gleich ein wenig erträglicher. Und nicht nur das Leben wird dadurch erträglicher, sondern auch man selbst - für andere und natürlich auch für sich selbst.

Street art BerlinDer Narziss - eine inkompatible Scheinart

Leider gibt es im wirklichen Leben keinen extra Narzissten-Planeten. Deswegen sind wir gezwungen, unser Dasein mit dieser Scheinart zu teilen. Die Aliens sind also gar nicht so weit weg. Sie weilen mitten unter uns.

Die Aliens zeichnen sich vor allem durch ihre komplette Unfähigkeit aus, uns - also genau genommen die echte Art - zu verstehen. Irgendwie müssen sie sich aber mit uns verständigen, denn immerhin benötigen sie uns als Publikum, als Komparsen, Statisten und Hofschranzen. Sie brauchen zum Beispiel auch Berater, die ihnen sagen, wie das wirkliche Leben funktioniert und wie man mit Normalsterblichen kommuniziert. Sie brauchen Pressesprecher, die sie immer wieder aus dem Gröbsten raushauen, Kindermädchen, Bodyguards, Agenten etc.

Leider sind sie aber nicht nur vollkommen Beratungsresistent, sondern zu allem Überfluss in der Auswahl ihrer Adlaten auch noch primär von ihren ureigenen Bedürfnissen geleitet. Wovon auch sonst. Sie umgeben sich also mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht mit wirklich kompetenten Beratern, sondern mit Geld-, Medien- und Machtgeilen Manipulatoren,
Speichelleckenden Ja-Sagern und katzbuckelnden Kofferträgern, die dem Ego des Narzissten schmeicheln und mit allen erdenklichen Mitteln dafür sorgen, dass er sich noch weiter vom wirklichen Leben entfernt.

Nun könnte man zwar manchmal annehmen, wir, also die gewöhnlichen Menschen, wären die Scheinart und der Narziss die echte Art. Schon, weil er uns das gerne glauben machen möchte und dabei einiges an Überzeugungskraft aufbietet. Aber dem ist tatsächlich nicht so. Wirklich nicht.

Der Narziss versteht sich lediglich blendend darauf, sich selbst den Nimbus eines Vertreters der echten Art zu verleihen. Er mag zwar die ursprünglichere der Arten sein, aber Evolution zeichnet sich nun einmal dadurch aus, dass sich Arten irgendwie weiter entwickeln. Also gewissermaßen fortschreitend und nicht zurück. Zum Beispiel im Hinblick auf intelligente Kulturtechniken und ein differenziertes Repertoire an Verhaltensweisen und Umgangsformen.

AlienDie Aliens sind mitten unter uns

Wenn ein Narzisst die Showbühne erklimmt, kann das durchaus daran liegen, dass er begabt ist. Das ist allerdings eher selten der Fall. Begnadet ist er in der Regel allenfalls durch sein außergewöhnliches Talent, mangelnde Begabung durch übermäßigen Ehrgeiz zu kompensieren.

Seine narzisstische Struktur verhält sich dabei reziprok proportional zu Begabung, Kompetenz und Sachverstand nach der simplen Formel: Je weniger talentiert, umso narzisstischer. Und vice versa: Je narzisstischer, desto ausgeprägter wiederum der Hang zur Selbstdarstellung. Der Narziss katapultiert sich mit aller Macht ins Rampenlicht und sei es auch nur durch Polemik und Agitation, Provokation und Skandale.

Die Realität gibt es wirklich
Da sich unter den Aliens aber nun einmal ziemlich oft auch einflussreiche Entscheidungsträger unserer Gesellschaft befinden, die wichtige Funktionen bekleiden, ist deren immer weiter zunehmendes Unverständnis für das wirkliche Leben, dessen Geschicke sie ja immerhin lenken, für die echte Art gewissermaßen ein wenig fatal. Und vor allem eine schier unerschöpfliche Quelle von Fehlern.

Das erklärt natürlich auch, warum Fehler in unserem System nicht die Ausnahme, sondern die Regel sind. Und das erklärt wiederum, warum die Unzufriedenheit der Normalsterblichen mit den Aliens immer weiter zunimmt. Doch das wiederum ist für die Aliens nur ein Grund mehr, die Welt der echten Art zu meiden. Was aber letztlich wiederum nichts an einer nicht ganz unwesentlichen Tatsache auf unserem Planeten ändert:

Die Realität gibt es wirklich.

Die Narzissmus-Pandemie
Narzisstische Vorbilder sind hochinfektiös. Deswegen greift Narzissmus in unserer Gesellschaft pandemisch um sich. Nachdem aber eigentlich alle Register narzisstischer Selbstdarstellung bereits gezogen wurden, übt die Gesellschaft ihrerseits wiederum einen enormen Druck auf die Narzissten aus: sie zwingt sie förmlich dazu, alles Dagewesene zu toppen. Und das kann eigentlich nur noch gelingen, indem der Faktor "Schein statt Sein" weiter hochgeschraubt wird. Narzissten leben in einer Scheinwelt. Auf einem anderen Planeten sozusagen. Ohne Kontakt zum wirklichen Leben. In einer virtuellen Realität, inszeniert von den Medien. Die Narzissten bilden auf diesem Planeten eine ganz eigene Spezies. Oder vielmehr eine Scheinart.

Depression Van GoghSüchtig nach Rampenlicht

Das wirkliche Leben ist die Hölle. Es besteht im Prinzip aus Schlafen, Essen und Arbeiten, Essen, Schlafen und Arbeiten etc. In beliebiger Reihenfolge. Manche Menschen können sogar ganz ohne Arbeit auskommen.

Echte Narzissten halten diesen paradiesischen Zustand allerdings keine drei Tage am Stück aus, ohne in Depressionen zu verfallen. Daher haben sie einen kleinen, aber überaus effektiven Trick gefunden, sich die Banalität ein wenig zu versüßen. Sie haben so eine Art dramatischen Link im Kopf: Wenn das Leben allzu banal wird, biegen sie sich die Realität einfach ein wenig zurecht. Das ist fast ein bisschen wie Zaubern.

Der Drama-Link

Das Leben normaler Menschen ist ja schon entsetzlich banal, aber das Leben der Narzissten ist das, was bei Sartre hinter der Türe lauert: Das namenlose Grauen. Der Narziss erreicht das innere Gleichgewicht nur, wenn sich das Gefühl "ich bin wichtig" einstellt. Doch angesichts der Banalität des wirklichen Lebens ist dieser Zustand selten von Dauer und kommt meist nur der Funktion eines Menschen oder seinem Reichtum zu, eher selten seinem Können oder seiner Persönlichkeit.

Süchtig nach Rampenlicht

Der Narziss unterscheidet nicht zwischen Person und Funktion. Er genießt sein Dasein auf der Bühne, aber ohne Publikum und Applaus ist das Leben eben ein schales Gesöff. Ein ekeliges, zähes, hartnäckiges Ding, das an einem haftet wie ein Taubenschiss. Eine einzige immerwährende graue, eintönige, fade, öde, leere, vergebene, nichtige, tödliche Depression, unterbrochen nur vom gelegentlichen Aufflackern der Scheinwerfer.

Der Narziss ist süchtig nach Rampenlicht. Er leidet tatsächlich unter Entzug, wenn die Spots nicht auf ihn gerichtet sind. Besonders dann, wenn sich in seinem wirklichen Leben nichts, aber auch gar nichts mehr tut. Wenn ihm nicht einmal mehr die Netzgemeinde auf Facebook einen Shitstorm widmet. Ein Dasein in trister Banalität zu fristen - das ist die Hölle für einen Narzissten.

Die unerträgliche Banalität des wirklichen Lebens

Was nicht umgehend Profit abwirft, wird verworfen. Außer vielleicht, es verspricht nach einer gewissen überschaubaren Investition Profit. Und Profit ist im Kalkül des Narzissten alles, was sein Ansehen und/oder seinen Reichtum mehrt und ihm Anerkennung und Zuwendung verschafft.

Schein ist dabei definitiv mehr als Sein und er weiß auch nur solche Werte wirklich zu schätzen, die entweder einen handfesten materiellen Gegenwert besitzen oder sein Image verbessern. Echte Befriedigung verspürt der Narziss nur dann, wenn er noch erfolgreicher ist als andere. Aber auch dann nur ganz kurz. Jedenfalls zu kurz, um jemals wirklich so etwas wie Zufriedenheit zu erlangen.

Wenn Sie also irgendetwas dem guten Willen des Narzissten überlassen, wird er Sie garantiert gnadenlos über den Tisch ziehen und sei es nur wegen des Kicks. Er braucht dieses Glückskitzeln in seiner Gehirnrinde. Nur das verschafft ihm tiefe, innere Befriedigung. Zumindest für einen kurzen, glücklichen Augenblick in seinem Leben.

Genau genommen ist das Leben extrem banal. Das Faszinierendste am Leben überhaupt ist seine entsetzliche Banalität. Sie erinnern sich vielleicht dunkel an Sartres Hölle „Geschlossene Gesellschaft“. Die Geschichte beschreibt in Kürze das Dasein des Narzissten:

Es scheint, als seien die Protagonisten (drei Narzissten übrigens) auf ewig verdammt, miteinander in dieser Banalität ausharren zu müssen. Alle Türen zur Außenwelt sind verschlossen. Und die Hauptdarsteller können weder voneinander lassen, noch voreinander fliehen.

Ja, nicht einmal töten können sie sich, denn sie sind bereits tot. Und ihre Hölle, das sind die anderen. Schließlich geht eine Tür auf. Aber sie verlassen den Raum nicht. Warum? Weil sie erkannt haben, dass hinter dieser Türe etwas lauert, das noch viel schlimmer ist als die Banalität ihrer Existenz. Das wirkliche Leben.