EvolutionEin Relikt aus der Steinzeit

Es ist genau genommen meistens ziemlich einfach, einen echten Narziss zu erkennen: Er tut sich durch eine Selbstdarstellung hervor, die man schlicht nur als absolut grandios bezeichnen kann. Er tarnt damit mehr oder weniger geschickt seine innere Zerrissenheit (auch vor sich selbst). Denn in Wirklichkeit fühlt er sich (irgendwo ganz innen drin) winzig klein und ziemlich wertlos. Genau genommen ganz furchtbar schrecklich wertlos. Was er aber, wäre er sich dessen bewusst, nie im Leben zugeben würde. Am allerwenigsten vor sich selbst. Und manchmal zeigt er uns eben auch seine andere Seite: Er verwandelt sich in ein vom Leben gebeuteltes und überaus benachteiligtes Wesen. Eine überaus bemitleidenswerte Kreatur, die nach Liebe und Aufmerksamkeit dürstet. Zuwendung wird immer gerne entgegen genommen. Vor allem materielle.

Seine Bedürftigkeit ist echt - und unstillbar...

Er ist dabei in seiner übergroßen Bedürftigkeit mitunter so anrührend, dass ihm keine wirklich gute Seele das Mitgefühl ernsthaft versagen kann, ohne dass sich sogleich ihr schlechtes Gewissen zu Wort meldet. Und er wirkt dabei sehr überzeugend. Vor allem deswegen, weil seine Bedürftigkeit echt ist. Echt und unstillbar.

Evolutionär betrachtet ist der Narziss ein Relikt aus der Steinzeit und meistens verhält er sich auch so. Die Unterschiede zwischen den verschiedenen Ausprägungen des Narzissten sind dabei ungefähr so relevant wie die zwischen einem Cro-Magnon-Menschen und dem Neandertaler. Der Narziss ist sozusagen eine Cuvée aus beiden Gattungen. Durch und durch darwinistisch, absolut resistent gegenüber den Widrigkeiten der Natur und extrem zählebig. Er würde in jedem Dschungel überleben. Jeden von uns.

Der Narziss - ein Alpha-Tierchen
Der Narziss ist ein Alpha-Tierchen. Er duldet niemanden neben sich. Absolut niemanden. Beta, Gamma, Delta bis hin zu Omega, also alle anderen, schart er nur deswegen gerne um sich, weil sie seine Macht mehren. Wer seinen Alpha-Status in Frage stellt, wirft den Fehde-Handschuh und wird fortan auf der Blacklist des Narzissten geführt. Auf dieser schwarzen Liste landen in der ziemlich simpel gestrickten Gut-Böse-Welt des Narzissten

  • seine Kritiker,

  • seine potenziellen Kritiker,

  • alle, die mächtiger oder reicher sind sowie

  • all jene, die seine Wege kreuzen und sich nicht unterwerfen.

Das gilt zum Beispiel in besonderer Weise auch für sämtliche Ex-Partner, da diese sehr wahrscheinlich zu mindestens einer der oben genannten Kategorien zählen. Ob geschäftlich oder privat, ist dabei für den Narzissten kaum von Belang, da er zwischenmenschliche Beziehungen ohnehin ausschließlich unter pragmatischen Aspekten betrachtet.