320px Armée de terre cuite fouille du tombeau de lempereur Qin XianDer Narziss und die Notwendigkeit der Reproduktion

Nachwuchs ist für den Narzissten deswegen so wichtig, weil es die Zahl seiner potenziellen Ich-Erweiterungen praktisch ohne eigenes Zutun erhöht. Leider ist die Bio-Technologie hier noch nicht fortgeschritten genug, sonst würde sich der Narziss nämlich klonen lassen, um seine Art zu erhalten. Schon deswegen, weil sich da keine minderwertigen Gene einmischen können.

Die Faszination von Cyborgs und Avataren

Noch perfekter wäre allerdings ein Cyborg. Er fasziniert den Narzissten, weil er einfach absolut perfekt ist. Fast noch besser als er selbst. Könnte man sich nämlich vom Fleisch lossagen, wäre man endlich wirklich autonom. Und unverwundbar, weil die Verletzlichkeit neutralisiert wäre. So ein Cyborg ist vollständig auf seine Funktion reduziert und alles an ihm kann repariert werden. Er ist stark, effizient und sehr viel leistungsfähiger als menschliche Wesen - in jeder Hinsicht ökonomisch optimiert und somit das Ideal des Narzissten.

Das Bedürfnis, sich biologisch zu reproduzieren, ist ja im Grunde heute überholt. Es stammt noch aus jener Zeit, als das Leben kurz und tödlich war. Deswegen benötigte man damals mehrere backups von sich selbst, um sich bei jedem Absturz wieder neu im wirklichen Leben zu installieren.

Der Co-Narziss
Ich hoffe, Sie haben sich bisher gut amüsiert. Denn damit könnte es jetzt schlagartig vorbei sein. Der Co-Narziss ist ja in der Regel weitaus umgänglicher und entgegenkommender als der Narziss. Aber ein Narziss ist ein Narziss ist ein Narziss.

Nur weil jemand von Natur aus zur Unterwerfung neigt, gerne leidet und sich klaglos in widrige Umstände hinein fügt, zum Beispiel weil das oft viel einfacher und bequemer erscheint (zumindest auf den ersten Blick), macht ihn das nicht gleich automatisch zum besseren Menschen. Das Gute kommt ja genauso wie das Böse in Reinform eher selten vor. Außer vielleicht bei Psychopathen und bei Engeln. Ansonsten gilt hier wie eigentlich fast immer im wirklichen Leben die alte Regel: Die Dosis mach das Gift.