Albrecht Dürer Betende HändeAllmächtig, unfehlbar und in seiner Art wirklich einzigartig

Die (beinahe) vollkommene Selbstlosigkeit des Narzissten reicht bis hin zur Selbstaufopferung. Jedoch - wie durch Zauberhand - kommt ihm wieder einmal alles, was er ja eigentlich für andere tut, vor allem selbst zu Gute. Meistens jedenfalls. Denn auch der Narziss ist nicht vor grandiosen Fehlentscheidungen gefeit, schon weil er generell dazu neigt, die Realitäten fatal zu verkennen.

Gib, damit dir gegeben wird

So wurde schon manch einer nach einem entbehrungsreichen und aufopferungsvollen Leben aus tiefster Nächstenliebe weit emporgehoben über den Rest der Menschheit. Ich sage nur: Mutter Theresa. Das funktionierte aber nur, wenn das Leben dieses engelsgleichen Wesens noch entbehrungsreicher und noch aufopferungsvoller war, als das aller bisher bekannten Altruisten und Wohltäter der Menschheit. Und wenn man es irgendwie schaffte, damit die Aufmerksamkeit der entscheidenden Instanzen auf sich zu ziehen. Das gab einen satten Bonus auf dem Pluspunkte-Konto. Zum Beispiel durch Heiligsprechung. Man bekam dafür einen Platz an der Sonne. Direkt neben dem lieben Gott. Denn der ist ja sozusagen die Ikone aller Narzissten - allmächtig, unfehlbar und in seiner Art wirklich einzigartig.

Die Heiligsprechung war früher in etwa das, was heute der Oskar ist. Eine enorm hohe Auszeichnung, die aber damals bedauerlicherweise meistens erst postum erfolgte. Zu lange, um darauf zu warten, wie Narzissten heute finden. Deswegen sind grandiose Altruisten und Wohltäter der Menschheit auch sehr selten geworden.

Auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit
Der vom Allmächtigen selbst berufene Narziss opfert willig alle weltlichen Bedürfnisse. Er selbst glaubt zumindest ganz fest daran. Der jeweils zuständigen (und im Gegensatz zum Narzissten beinahe beliebig austauschbaren) Gottheit auf Erden ist er als Stellvertreter auf seinem der Wirklichkeit entrückten Posten aber allemal näher als dem Volk. Damit ist er auf der Karriereleiter in Richtung Gottähnlichkeit schon einen beträchtlichen Schritt weiter gekommen. Denn letztendlich ist auch der liebe Gott nur eine Figur auf dem narzisstischen Schachbrett.

Da kann man schon mal vergessen, dass man auch nur ein Mensch ist, der in Ausübung seines Amtes gelegentlich über den eigenen Schatten stolpert. Denn den hat er ja nun an der Garderobe zum Priestertum abgegeben. Eigentlich. Es nimmt also kein Wunder, dass die bösen Heimsuchungen aus der Schattenwelt rein zufällig in unmittelbarer Relation zu der zur Schau gestellten Frömmigkeit stehen. Denn irgendwo brechen sich diese gottverdammten weltlichen Bedürfnisse halt doch wieder Bahn
und mitunter platzt halt das göttliche Ventil.