Die moralische Mission
Der Narziss verstand es zu allen Zeiten wie kein anderer, seinen Wunsch nach Geltung und Anerkennung, nach Macht und Wichtigkeit in das Gewand einer durch und durch moralischen Mission zu kleiden. Zum Beispiel, indem er für „soziale Gerechtigkeit“ oder am besten gleich für eine „bessere Welt“ kämpft.

Er rettet die Welt und das tut er natürlich nicht etwa für sich, sondern für die Menschheit. Der Narziss findet immer einen guten Grund, Gutes zu tun. Jedoch, wie es der Teufel will, kommt ihm das stets auf wunderbare Weise auch selbst zu Gute. Keiner befolgt so wortgetreu die alte lateinische Rechtsformel für gegenseitige Verträge „do ut des“ - ich gebe, damit du gibst. Das ist seine Maxime und gleichzeitig der Schlüssel zu seinem Sozialverhalten. Er gibt wirklich nur aus einem Grund, nämlich damit ihm gegeben wird. Am besten mehr, als er gegeben hat. Und genau das was er haben möchte. Und er wird einen unweigerlich daran erinnern, dass er gegeben hat und dass nun Du am Zuge bist.

Er gibt auch, damit er anschließend alle Welt dazu auffordern kann, es ihm gleich zu tun: Nun gebt auch ihr (mir, was ich brauche), damit euch gegeben wird!

GeboteGöttliche Gebote
Der Narziss liebt Regeln. Aber nur solche, die er selbst erlassen hat. Und solche, die anderen ein für alle Mal klar machen, wie er von ihnen behandelt werden möchte. Regeln, die er nicht selbst gemacht hat, sind Schall und Rauch. Außer natürlich, er verspricht sich selbst einen Vorteil davon. Dann wird er nicht scheuen, sie auf der Stelle einzuklagen. Er liebt nämlich auch all jene Regeln, die ihm in irgendeiner Weise nützen.

Aufgrund seiner Gottähnlichkeit, die ja ganz zwangsläufig aus seiner besonderen Nähe zu Gott (der, wenn es ihn nicht schon geben würde, sofort von ihm persönlich erfunden werden würde) resultiert, ist er felsenfest von seinem moralischen Anspruch überzeugt, Regeln aufstellen und notfalls auch mit Gewalt durchsetzen zu dürfen. Dürfen? Nein, er muss es sogar tun! Und er und nur er darf andere strafen, wenn die sich nicht an diese Regeln halten.

Der Narziss ist nicht maßlos. Er fordert nur das ein, was ihm zusteht. Und er ist sehr überzeugend darin, so zu tun, als habe er (oder Gott?) einen wohl begründeten Anspruch auf die Erfüllung seine Forderungen. Von seiner hohen moralischen Warte aus betrachtet, hat er den natürlich auch. Seine Warte ist allerdings für die meisten anderen Lebewesen einfach zu hoch, um noch geistig oder sonst irgendwie erfasst zu werden. Und was gerade an Moral angesagt ist, das definiert sowieso der Narziss.

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