Immer auf der Gewinnerseite
Wenn Sie beabsichtigen, ein rationales Gespräch mit dem Narziss zu führen, kommt er garantiert auf Emotionen zu sprechen. Wollen Sie aber über Gefühle reden, verabschiedet er sich elegant auf das sichere Terrain der Rationalität. Irgendwie schafft er es jedenfalls immer, am Schluss aus Gewinner aus einer Auseinandersetzung heraus zu gehen, die im Grunde niemals zu Stande gekommen ist.

Sollte es Ihnen doch einmal gelingen, den Narziss in die Ecke zu drängen, hat er immer noch ein vollkommen entwaffnendes Manöver auf der Rückhand: Er wird Ihnen einfach vorwerfen, dass Sie ihn allzu sehr idealisiert haben. Er sei schließlich auch nur ein Mensch. Ist es etwa seine Schuld, dass Sie ihn so verkennen? Und im Zweifelsfall hat er selbst für seine Konfliktscheu noch einen guten Konter in petto: Es ist nämlich so, dass er das rationale Gespräch bevorzugt und emotionale Gefechte verabscheut, während Sie den Streit ja ganz offensichtlich regelrecht suchen und von vorne herein auf Krawall gebürstet sind.

SuenenbockSchuld sind ohnehin immer die anderen...
Sieht er seine Felle davon schwimmen, könnte sich der Narziss im Extremfall sogar dahin versteigen, zu beteuern, wie sehr er auf Ihre Liebe und Ihr Verständnis angewiesen ist, damit er sich ändern kann. Aber nun, da er sich dessen nicht mehr so gewiss sein könne, gebe es ja auch keinen Grund mehr, sich zu ändern. Mit unabsehbaren Konsequenzen, die nun wiederum alleine von Ihrem Wohlverhalten abhängen...

Kurzum: Es kann in Konflikten nur einen Sieger geben - den Narzissten. Was schon alleine daran liegt, dass der Narziss keine Fehler macht. Schuld sind immer die anderen. Das mag manch einer als Affront verstehen, doch der Narziss ist ja noch nicht einmal ein tollkühner Wortverdreher. Jedenfalls nicht absichtlich. Denn er ist schließlich felsenfest von seiner
Wirklichkeit überzeugt.

SonnenuhrEitel Sonnenschein
Das Ausblenden der Realität, in der Psychlogie auch Verdrängung genannt, beherrscht niemand so brillant wie der Narziss. Nur er vermag den alten Spruch:

"Mach es wie die Sonnenuhr - zähl‘ die schönen Stunden nur!“

tatsächlich wortwörtlich zu befolgen. Er blendet überhaupt alles aus, was ihm missfällt. Dazu gehören zum Beispiel auch Konflikte. Darunter fällt außerdem im Wesentlichen alles, was an seinem Lack kratzen könnte. Er versteht sich meisterlich darauf, Gesprächen, die eine bedrohliche Richtung einschlagen, eine elegante Wendung zu verleihen. Entweder knapp an der Sache vorbei auf (für ihn) sicheres Terrain oder aber auch in Form eines Bumerangs, der den Angreifer postwendend tödlich am Schädel trifft.

Aber grämen Sie sich nicht. Mit großer Wahrscheinlichkeit sind Sie nicht einmal persönlich gemeint. Dem Narziss ist vermutlich eine ganz andere Laus über die Leber gelaufen. Sie sind nur die Fliege an der Wand und er braucht jetzt eben einfach ein Ventil.

Der Narziss hat immer Recht
Wenn Sie dann nämlich auch noch anfangen zu argumentieren, wird er Ihnen todsicher so lange das Wort im Mund verdrehen, bis Sie vor aller Welt als Vollidiot dastehen. Der Narziss hat immer Recht. Besonders dann, wenn er vollkommen daneben liegt. Er versteht es auf geradezu unheimliche Weise, alle anderen ins Unrecht zu setzen. Niemand ist so versiert darin, das abgrundtief Schlechte aus anderen heraus zu kitzeln, wie der Narziss. Und irgendwie gelingt es ihm immer, dass Sie es sind, der schließlich ein schlechtes Gewissen hat.

Die narzisstische Zwickmühle
Immer dann, wenn Ungemach droht und der Narziss sich angegriffen oder auch nur unzureichend wertgeschätzt fühlt, manövriert er seine Widersacher in verzwickte Situationen. Wenn er Sie in der Zwickmühle hat, haben Sie die Wahl zwischen Teufel und Beelzebub:

Entweder Sie begeben sich in den Rechtfertigungs-Modus: Sie erklären, dass alles ganz anders gemeint war. Oder Sie wählen den Konflikt-Eskalations-Modus: Sie beharren darauf, dass er Sie missverstanden hat. Am besten, Sie wählen jetzt die am wenigsten falsche Möglichkeit. Oder noch besser: Suchen Sie möglichst geräuscharm das Weite und begeben Sie sich erst wieder in seinen Radius, wenn er ein neuen Wirkungskreis gefunden hat. Was Gott sei dank meistens ziemlich schnell der Fall ist.

Es ist immer wieder erstaunlich, wie gründlich einen der Narziss missverstehen kann, wenn er das möchte. Er will es ja nicht wirklich, aber manchmal macht es eben einfach Klick in seinem Kopf. Und dann genügt schon ein einziges falsches Wort, ein irritierender Blick, ein schiefes Lächeln, um in Teufels Küche zu kommen. Versuchen Sie also gar nicht erst, sich da
wieder heraus zu winden.

KämpferAlles ist relativ

Der Narziss ist in seinen Weltanschauungen außerordentlich flexibel und zudem äußerst geschickt darin, seine wahren Absichten und Ansichten zu verschleiern. Sogar vor sich selbst. Er wählt seinen Standpunkt jeweils nach der Perspektive desjenigen Betrachters, von dem er sich am meisten verspricht. Ansonsten besteht sein Weltbild für gewöhnlich aus einem bunten Strauß der gängigsten Überzeugungen, die gerade in seiner Referenzgruppe angesagt sind. Substanz ist dabei eher hinderlich. Die Wirkung zählt. Wenn ihm zum Beispiel am Wohlwollen eines Tierschützers liegt, wird er mit Verve gegen die Produktion von Gänsestopfleber wettern. Was ihn keineswegs daran hindert, am darauffolgenden Tag gegenüber einem französischen Geschäftskollegen beim gemeinsamen Dinner seine Begeisterung für die köstliche Foie gras kund zu tun.

Ein gerechter Kämpfer
Wenn er von etwas überzeugt ist, dann total. Und wenn er fünf Minuten später vom genauen Gegenteil überzeugt ist, dann absolut maximal. Der Narziss ist ein gerechter Kämpfer für die Sache. Für welche auch immer. Ein durch und durch fanatischer Bratwurst-Vegetarier. Aber wenn es gerade opportun ist, konvertiert er eben widerstandslos zur gegnerischen Partei. Je nachdem, was seinem Seelenheil gerade zuträglicher erscheint. Das Christentum ist schön und gut, aber 72 Jungfrauen sind schließlich auch nicht zu verachten.

Beim Thema Stopfleber mag man vielleicht noch geneigt sein, das als nette Marotte abzutun. Wirklich spannend wird es erst bei einem umgedrehten Doppelagenten mit einer Atombombe im Handgepäck. Aber egal, in welcher Zwickmühle er sich auch befindet, irgendwie schafft er es meistens, sich da wieder heraus zu winden und am Schluss sogar Recht zu behalten. Schon weil er den Endsieg so hartnäckig verfolgt, dass alle anderen unterwegs längst die weiße Fahne gehisst haben und kurz vor dem Ziellauf erschöpft zusammen brechen. Deswegen hat er auch das Potential, als Held in die Geschichte einzugehen.

FarbspektrumDer Narziss ist ziemlich farbenblind, wenn es um sein Gefühlsspektrum geht. Während gewöhnliche Menschen eine große Palette verschiedener emotionaler Facetten unterscheiden können, kann der Narziss nur schwarz oder weiß, gut oder böse, plus oder minus. Minus definiert sich durch seinen Standort, denn er selbst ist natürlich immer im Plus. So lange wir ihm das bestätigen, dürfen wir damit rechnen, von seiner Sonnenseite beschienen zu werden. Sollten wir ihm allerdings - und sei es auch nur versehentlich – auf den Schlips treten, kann sich der eben noch strahlend blaue Himmel ganz schnell verdüstern.

Der Narziss hat keine Fehler
Schwarz, böse und minus sind selbstverständlich immer nur die anderen. Der Narziss selbst ist natürlich weiß und gut. Er hat keine Fehler. Er macht auch keine. Und für den außerordentlich unwahrscheinlichen Fall, dass er doch einmal bei einem Fehler ertappt werden sollte, hat bestimmt ein anderer Schuld. Er selbst war nur ein bedauernswertes Opfer der Umstände, ist aber keinesfalls für irgendetwas verantwortlich zu machen.

Das gilt in gleicher Weise für alle anderen Widrigkeiten des Lebens. Wird er mit unerfüllbaren Anforderungen konfrontiert, ist er leider verhindert, zum Beispiel aufgrund hypochondrischer Attacken. Deren Schweregrad steht unmittelbar in Relation zur Dimension der jeweiligen Anforderung. Bei Konflikten ergreift er spornstreichs die Flucht in alle verfügbaren Ausflüchte und seien sie auch noch so fadenscheinig. Und wenn das alles nicht hilft bleibt nur noch die Flucht nach vorne - in die Aggression.

Der Narziss handelt niemals nur aus dem Bauch heraus. Sein ganzen Tun und Sinnen ist immer von tiefgründigen rationalen oder hehren moralischen Erwägungen geleitet. Selbst dann, wenn er diese philosophischen Konstrukte erst ein paar Stunden später hinterhergeschoben hat, um seinem Handeln mehr Bedeutung zu verleihen. Er verfügt über ein ethisch fragmentiertes Gehirn: Moralische Grundsätze, die einander widersprechen könnten, sind in vollkommen voneinander unabhängigen Arealen abgespeichert, so dass sie nicht miteinander kollidieren können. Das gilt natürlich in gleicher Weise für alle anderen Standpunkte, die miteinander in Konflikt geraten könnten, sowie für widerstreitende Gefühle.

FliegenpilzWozu machen wir eigentlich so merkwürdige Dinge wie Selbstdarstellung und Imagepflege? Nun, wir sammeln damit Pluspunkte bei anderen. Das tut uns eben einfach gut. In dem Maße, indem uns andere mögen, steigen nämlich auch die Chancen, dass unsere Bedürfnisse befriedigt werden. So weit, so gut.

Leider sind die Strategien des Narzissten dabei allzu durchsichtig und nicht besonders nachhaltig. Was, wie schon gesagt, vor allem daran liegt, dass sein Repertoire an sozialen Verhaltensmustern ziemlich rudimentär ist. Und weil er sich generell für klüger hält, als alle anderen, vor allem aber für klüger, als er tatsächlich ist. Man würde ihm daher durchaus manchmal etwas mehr Raffinesse in der Ausführung seiner Finten wünschen. Schon, weil es dann für alle anderen einfach unterhaltsamer wäre.

Der Narziss sammelt Pluspunkte...
Auch der Narziss sammelt leidenschaftlich. Neben Symbolen, Trophäen und Minuspunkten für die anderen sammelt er vor allem Pluspunkte für sich selbst. Jede seiner scheinbar noch so unschuldigen Aktionen ist im Grunde lediglich ein Kreditantrag auf noch mehr Pluspunkte. Das Sammeln von Pluspunkten ist sozusagen sein Lebensinhalt. Weil all sein Sinnen und Trachten nur einem übergeordneten Ziel dient: Seiner eigenen Bedürfnisbefriedigung. Deswegen achtet er immer darauf, dass sein Konto gut mit Payback-Punkten gefüllt ist. Diese Punkte kann man nämlich bei Bedarf einlösen. Im Gegenzug erhält man dafür Dinge, die der eigenen Bedürfnisbefriedigung dienen.

...und Minuspunkte für die anderen
Auf diesem Konto wird auch das berauschende Gefühl des Neids und der Missgunst in den Augen der anderen verbucht. Außerdem scannt der Narziss jede neue Bekanntschaft akribisch daraufhin, ob er sie im Hinblick auf seinen Punktestand zu seinem Vorteil nutzen kann. Die entscheidende Frage lautet also: Wie viele Punkte bringt er oder sie ein?

Viele? Dann wird er oder sie in den Kreis der Freunde aufgenommen und es stellt sich die nächste wichtige Frage: Wie kann ich mir diese Person verpflichten? Daher sammelt er im Geiste schon einmal vorsorglich Schuldscheine mit Minuspunkten für alle Mitmenschen, die ins seinen näheren Dunstkreis gelangen. Für den Tag der Abrechnung.

selfieSo ein Narziss hat eigentlich gar kein Privatleben. Familienangehörige, Freunde und Arbeitskollegen, die sein Leben mehr oder weniger freiwillig teilen, bedauerlicherweise auch nicht. Das liegt vor allem daran, dass der Narziss nicht gerne einsam vor seinem Spiegel dahin darbt. Grandiose Existenzen brauchen Publikum. Zeitzeugen, Fangemeinden, Jünger und Bewunderer aller Art. Ihr Leben ist ein fortwährendes, großartiges Spektakel mit freiem Eintritt für alle. Sie sind gewissermaßen immer auf Sendung.

Der Narziss ist ein Berufener mit großem Sendungsbewusstsein. Er ist deswegen häufig als Berufsnarziss in all jenen Tätigkeitsfeldern anzutreffen, die sich um die großen Bühnen dieser Welt herum drehen. Und so ein Leben ist nun einmal harte Arbeit. Denn der Narziss ist von der Anerkennung seiner Bewunderer abhängig ist (was er aber selbstverständlich niemals zugeben würde). Deswegen muss er in Sachen Selbstdarstellung immer neue und immer großartigere Kaliber auffahren, damit der Quell dieser Anerkennung auch weiterhin ergiebig sprudelt.

Leider verpasst er dabei meistens den Punkt, an dem es richtig peinlich wird. Zum Beispiel dann, wenn er seinen Zenit bereits weit überschritten hat und ihn schon längst keiner mehr so richtig ernst nimmt. Das betrifft zum Beispiel auch das Thema "natürlich altern". Denn während gewöhnliche Menschen von natürlichen Verfallsprozessen nicht verschont bleiben, wird der Narziss von Jahr zu Jahr jünger.

The Show must go on
Nun liegt es ja in der Natur des Menschen, dass er einen guten Eindruck bei anderen hinterlassen möchte. Der Narziss allerdings ist darin geradezu ein Naturtalent. Um anderen konstantes Interesse zu entlocken, poliert er sein Image so lange, bis es seinem Idealbild entspricht. Dann präsentiert er uns so eine Art virtuelle Version von sich selbst – einen Avatar. Dieser ist für gewöhnlich all das, was der Narziss nicht ist (und auch niemals sein wird). Und er kann alles, was dieser nicht kann (und auch niemals können wird). Der Narziss inszeniert diese Legende jedoch derart überzeugend, dass er schließlich selbst daran glaubt. Selbst wenn die Selbstdarstellung des Narzissten nach außen hin aufgrund ihrer eigentümlich verqueren Struktur die eine oder andere Sollbruchstelle aufweist, kann sie tatsächlich über weite Strecken den Eindruck einer erfolgreichen und selbstbewussten Persönlichkeit vermitteln.

 

320px Graz Opernhaus Zuschauerraum Blick zur BühneDer Narziss liebt öffentliche Auftritte auf Meetings, Messen, Musicals... Es ist eigentlich vollkommen gleichgültig welchen Inhalts. Hauptsache, er kann dort sein selbstgestricktes Ego ausführlich zur Schau stellen. Für seine wohl einstudierten Inszenierungen ist ihm jede Bühne recht.

Narzissten sind ja durchaus oft faszinierende Menschen. Die schillerndsten Persönlichkeiten und die schrägsten Vögel - das sind garantiert Narzissten. Oft sind sie sogar auf den ersten Blick überaus charmant. Wenn auch auf den zweiten nicht unbedingt wirklich liebenswert. Außer natürlich für den Co-Narzissten, doch dazu später mehr. Narzissten sind mitunter sogar tatsächlich gute Unterhalter. Im Grunde ist es aber nicht wirklich von Bedeutung, ob sie wirklich etwas zu sagen haben oder nicht. Sie hören sich vor allem selbst gerne reden.

Zuhören dagegen fällt dem Narzissten eher schwer. Schließlich erweist er seinen Mitmenschen doch allein schon durch seine bloße Anwesenheit eine großartige Ehre. Und wo er die anderen doch schon mit seiner grandiosen Präsenz beglückt, wieso sollte er sich da auch noch die Mühe machen, einen guten Gesprächspartner zu mimen?

Er stellt dabei durchaus die gerade angezeigten Frage-Floskeln in den Raum. Schon, um Weltgewandtheit und soziale Kompetenz zu demonstrieren. Allerdings nur, um die gestellten Fragen gleich darauf weitschweifig und detailliert selbst zu beantworten. Und das, obgleich er in aller Regel nicht die geringste Kenntnis von der Situation des Gegenübers besitzt. Nicht etwa, weil er grundsätzlich unhöflich wäre, denn Narzissten können durchaus sehr freundlich und angepasst, sogar bescheiden und mit ausnehmend guten Manieren daherkommen. Und meistens dauert es dann eine ganze Weile, bis man die Mogelpackung aus falscher Bescheidenheit und ostentativem Understatement durchschaut hat.

Mercedes Benz W121Der Narziss ist gewissermaßen süchtig nach Symbolen, die seinem Ego Bedeutung verleihen. Diese Surrogate stehen dabei in direkter Relation zur eigentlichen Tristesse seines Daseins. Mit anderen Worten: Ein Narziss ohne Bühne und Requisiten ist im Grunde seines Herzens ein bemitleidenswertes Wesen. Er wird nur deswegen von niemandem ernsthaft bedauert, weil er
in diesem Zustand einfach besonders unausstehlich ist.

Glück kann man kaufen
Glück kann man glücklicherweise auch kaufen. Zum Beispiel in Form der gerade angesagten Styles und Statussymbole. Und wenn man in der Hall of Fame in die Top Ten der Narzissten aufgestiegen ist, definiert man einfach selbst, was die gerade angesagten Styles und Statussymbole sind. Damit lässt sich mühelos ein überzeugender Ego-Avatar generieren und immer wieder neu aufpäppeln.

Während der fortgeschrittene Narziss gerne seinen eigenen Style kreiert, um sich als Stilikone feiern zu lassen, neigt der Nachwuchs-Narziss eher dazu, seine Idole zu imitieren. Damit ist er auf jeden Fall auf der sicheren Seite und kann dem ganzen Rest der Menschheit demonstrieren, dass er ebenfalls dazu gehört. Denn „in“ sein heißt auch beliebt sein und die Beliebtheitsskala ist nun einmal eines der wichtigsten Messinstrumente des Narzissten. Je höher man darauf klettert, desto mehr Anerkennung und Aufwertung sind einem gewiss. Die eigene Identität hinter der coolen Fassade ist dann eigentlich gar nicht mehr so wichtig. Hauptsache die Message kommt rüber und die lautet:

Ich bin eine megacoole Rampensau und hab‘ alles unter Kontrolle!

Zu den Symbolen, mit denen der Narziss sich umgibt, gehören übrigens auch Menschen - die Statisten auf der Bühne seines Lebens. Ohne seine Symbole, ohne Labels und Luxus und natürlich auch das nötige Kleingeld, um immer neuen Symbol-Nachschub zu beschaffen, und vor allem ohne eine Bühne, auf der er all das auch präsentieren kann, ist der Narziss einfach
ein...

...Nichts.

Reine Glaubenssache
Der Narziss setzt die Maßstäbe, an denen sich alle anderen messen lassen müssen. Zumindest für die mitunter recht kurze Lebensdauer der von ihm gesetzten Normen.

In die verknoteten Gehirnwindungen eines Narzissten kann sich ohnehin beim besten Willen keiner hinein denken. Die Logik seiner Regeln ist so verquer wie er selbst und erschließt sich daher auch niemandem und vor allem nicht den Normalsterblichen. Am wenigsten übrigens ihm selbst. Aber schließlich ist es für ihn auch vollkommen ausreichend, wenn alle anderen nach seiner Pfeife tanzen.

SchafherdeDie Unebenheiten der Realität und der Sinn des Lebens
Es haben sich ja zu allen Zeiten genügend fromme Lämmer gefunden, die dem Narzissten brav auf die Schlachtbank gefolgt sind. Denn während es die einen nach Macht und Anerkennung gelüstete, gierten die anderen nach Unterwerfung und Schutz, nach Sicherheit und Geborgenheit, nach der heilen Welt und dem Sinn des Lebens. Und wer könnte den wohl besser erklären als ein Narziss, der ja sein ganzes Leben damit zubringt, die Unebenheiten der Realität ein wenig zu glätten.

Es ist also kein Wunder, dass gerade bei den großen Mythen der Menschheit der Grat zwischen Sinn und Wahnsinn recht schmal ist und die Heilsphantasien mitunter ins pathologische abdriften. Schwarz oder weiß, dafür oder dagegen - das ist die kleine Welt der Religionen, der Politik und des Narzissten. Dem ist allerdings rein gar nichts heilig – außer natürlich er selbst und bestenfalls vielleicht noch seine Ich-Erweiterungen.

Es liegt nun einmal in der Natur von Insignien der Macht und anderen Statussymbolen, dass sie den Status nur dann nach außen sichtbar machen, wenn sie auch gesehen werden. Während gewöhnliche Sterbliche Anzug und Perlenkette zu Hause gerne ablegen, verschmilzt der Narziss so stark mit den Dingen, die ihm in der Außenwelt Geltung verschaffen, dass er in einer Woge von Banalität zu ertrinken droht, wenn ihm seine Fassade abhanden kommt.

Die moralische Mission
Der Narziss verstand es zu allen Zeiten wie kein anderer, seinen Wunsch nach Geltung und Anerkennung, nach Macht und Wichtigkeit in das Gewand einer durch und durch moralischen Mission zu kleiden. Zum Beispiel, indem er für „soziale Gerechtigkeit“ oder am besten gleich für eine „bessere Welt“ kämpft.

Er rettet die Welt und das tut er natürlich nicht etwa für sich, sondern für die Menschheit. Der Narziss findet immer einen guten Grund, Gutes zu tun. Jedoch, wie es der Teufel will, kommt ihm das stets auf wunderbare Weise auch selbst zu Gute. Keiner befolgt so wortgetreu die alte lateinische Rechtsformel für gegenseitige Verträge „do ut des“ - ich gebe, damit du gibst. Das ist seine Maxime und gleichzeitig der Schlüssel zu seinem Sozialverhalten. Er gibt wirklich nur aus einem Grund, nämlich damit ihm gegeben wird. Am besten mehr, als er gegeben hat. Und genau das was er haben möchte. Und er wird einen unweigerlich daran erinnern, dass er gegeben hat und dass nun Du am Zuge bist.

Er gibt auch, damit er anschließend alle Welt dazu auffordern kann, es ihm gleich zu tun: Nun gebt auch ihr (mir, was ich brauche), damit euch gegeben wird!

GeboteGöttliche Gebote
Der Narziss liebt Regeln. Aber nur solche, die er selbst erlassen hat. Und solche, die anderen ein für alle Mal klar machen, wie er von ihnen behandelt werden möchte. Regeln, die er nicht selbst gemacht hat, sind Schall und Rauch. Außer natürlich, er verspricht sich selbst einen Vorteil davon. Dann wird er nicht scheuen, sie auf der Stelle einzuklagen. Er liebt nämlich auch all jene Regeln, die ihm in irgendeiner Weise nützen.

Aufgrund seiner Gottähnlichkeit, die ja ganz zwangsläufig aus seiner besonderen Nähe zu Gott (der, wenn es ihn nicht schon geben würde, sofort von ihm persönlich erfunden werden würde) resultiert, ist er felsenfest von seinem moralischen Anspruch überzeugt, Regeln aufstellen und notfalls auch mit Gewalt durchsetzen zu dürfen. Dürfen? Nein, er muss es sogar tun! Und er und nur er darf andere strafen, wenn die sich nicht an diese Regeln halten.

Der Narziss ist nicht maßlos. Er fordert nur das ein, was ihm zusteht. Und er ist sehr überzeugend darin, so zu tun, als habe er (oder Gott?) einen wohl begründeten Anspruch auf die Erfüllung seine Forderungen. Von seiner hohen moralischen Warte aus betrachtet, hat er den natürlich auch. Seine Warte ist allerdings für die meisten anderen Lebewesen einfach zu hoch, um noch geistig oder sonst irgendwie erfasst zu werden. Und was gerade an Moral angesagt ist, das definiert sowieso der Narziss.

Der Einsatz von brachialer Gewalt im Allgemeinen und von Macheten im Speziellen stößt heute nur noch in wenigen Regionen der Welt auf gesellschaftliche Akzeptanz. Daher bedient sich der Narziss der allgemein üblichen Methoden zur Maßregelung von Häretikern und Abtrünnigen. Wer Wind sät und es wagt, ihn, den großartigen Leader in Frage zu stellen, wird Sturm ernten: Spott, Zynismus, Häme, Kritik und Abwertung.

Wer nicht für mich ist, ist gegen mich

So hart er im Austeilen ist, so empfindlich reagiert er jedoch selbst auf die Kritik anderer, getreu seinem so einfachen wie brachialen Lebensmotto:

"Wer nicht für mich ist, ist gegen mich!"

Wer ihm den Platz in der ersten Reihe streitig macht, gehört nun einmal nicht zu seinen Freunden. Mal ganz abgesehen davon, dass auch diese Vokabel in seinem Wortschatz sowieso nicht existiert und wenn dann bestenfalls als Kampfbegriff.

Albrecht Dürer Betende HändeReligion und andere Pandemien
Der Narziss ist ein Relikt aus der Urzeit. Somit ist natürlich auch sein Sinn für Humor recht archaisch und die ursprünglichste Form von Humor ist nun einmal die Schadenfreude. Lustig ist, wenn es andere böse erwischt und nicht mich selbst. Davon zeugt noch heute Volkes Stimme in den ländlichen Regionen im Norden Bayerns. Dort gibt es ein über Jahrhunderte hinweg bewährtes Stoßgebet, das angesichts eines herannahenden Gewitters inbrünstig ausgesprochen wird:

 "Heiliger Sankt Florian, verschon' mein Haus, zünd' andere an!"


Vom Nutzen der Frömmigkeit
Die Frömmigkeit, die diesem Gewittergebet innewohnt, lässt man sich am besten genüsslich auf der Zunge zergehen. Wenn wir uns dann aber noch die eigentliche Bedeutung des Wortes „Frömmigkeit“ vornehmen, wird es zunehmend heiter: Frömmigkeit leitet sich ab vom althochdeutschen „fruma“, was so viel bedeutet wie „Vorteil“ oder „Nutzen“. Frömmigkeit ist also genau genommen Verhalten, das in einem gewissen Kontext nützlich erscheint.

Das Befolgen von Regeln der jeweils geltenden Religion zum Beispiel erschien vielen Menschen zu gewissen Zeiten aus recht naheliegenden Gründen nützlich. Den einen sicherte es schlicht das Überleben, den anderen das Erklimmen der Karriereleiter. Sinnfragen galten damals als ziemlich töricht, weil sie meistens tödlich endeten. 

Insignien der MachtAndere Menschen werden für den Narzissten überhaupt erst zu beachtenswerten Kreaturen durch offen zur Schau gestellte Insignien der Macht wie zum Beispiel goldene Uhren oder Perlenketten. Das ist ziemlich einfach. Man muss also nur diplomatisch vorgehen und jede Menge Eindruck schinden. Es macht das Zusammenleben mit Narzissten deutlich einfacher. Jedenfalls kurzfristig. Trotz führt lediglich dazu, dass man auch weiterhin schlicht und konsequent übersehen wird.

Will man vom Narziss beachtet werden, so kommt man nicht umhin, Dinge zu tun, die ihn glücklicher machen. Warum also herum zicken, wenn es nur ein kurzes, vernehmliches Perlenkettenrasseln kostet? Wenn Sie sich beharrlich weigern, ihn angemessen zu beeindrucken, haben Sie doch ohnehin schon verloren und riskieren dazu auch noch den Abstieg in der Hierarchie des Affenrudels und die vernichtende Abqualifizierung in den Rang eines Normalsterblichen.

Offene Ehrfurcht angesichts ostentativ zur Schau gestellter Insignien der Macht zeigen allerdings nur Schwächlinge. Der Narziss mimt bestenfalls edle Generosität und findet alles grandios. Jedoch mit einem Unterton, der sofort durchblicken lässt, dass Sie maßlos übertreiben und damit wiederum dem Vulgären bedenklich nahe rücken.

Unverrückbare Naturgesetze
Ein Narziss hat Ihnen Beachtung geschenkt? Das ist bereits mehr, als Sie in diesem Leben erwarten können und sehr wahrscheinlich nicht von Vorteil für Sie. Es sei denn natürlich, Sie sind gewillt, sich ihm vorbehaltlos zu unterwerfen. Erwarten Sie jedoch niemals Anerkennung oder Wertschätzung, denn so viel Zuwendung ist ganz alleine dem Narzissten selbst vorbehalten.

Nur ihm gebührt der Platz in der ersten Reihe. Ihm oder bestenfalls noch seinen Ich-Erweiterungen. Das ist ein Naturgesetz und er wird es mit der Machete verteidigen und Ihnen jederzeit mehr als deutlich zu verstehen geben, dass Sie sich gefälligst hinten anzustellen haben.