Freud Sofa.JPG 640x480Ist der Narziss therapierbar?

Gewöhnliche Menschen kann man bis zu einem gewissen Grad vor sich selbst beschützen. Nicht so Narzissten. Das wirkliche Leben bietet zwar mannigfaltige Möglichkeiten, sich weiter zu entwickeln. Der Narziss nutzt meist keine davon.

Der Narziss möchte nicht geholfen werden

Beratung ist was für Normalsterbliche. Der Narziss weiß, wie das Leben geht. Therapie? Er ist doch nicht krank! Also benötigt er auch keine Heilung. Er hat ja schließlich keinen Leidensdruck. Den haben nur die anderen. Der Narziss besteht bestenfalls darauf, dass man seine hypochondrischen Zipperlein lindert und gegebenenfalls anfallende körperliche Defekte wie zum Beispiel das Altern repariert.

Nun kann es aber manchmal doch vorkommen, dass ihm aufgrund seiner unverträglichen Persönlichkeitsstruktur sein soziales Umfeld und sein Broterwerb abhanden kommen. Das bereitet ihm dann ab einem gewissen Alter doch gewisse Sorgen. Um nicht zu sagen: PANIK.

Wenn das Lebenselixier versiegt...

Ein Total-Verlust von sozialen Kontakten und/oder beruflichem Wirkungsfeld führt zu einer defizitären Situation in Bezug auf sein Lebenselixier: Der Quell narzisstischer Bedürfnisbefriedigung plätschert nicht mehr beständig weiter, er droht vielmehr zu versiegen. In diesem Fall kann es durchaus passieren, dass sich der Narziss dazu durchringt, in den Reparatur-Modus zu gehen. Allerdings nur bei wirklich ausgewiesenen Koryphäen. Denn auch im Angesicht größter Verzweiflung ist das oder der Beste für ihn gerade gut genug.

Jedenfalls so lange, bis er am Lack des Narzissten kratzt. Denn der wittert potenzielle Angriffe auf seine Person nun einmal drei Meilen gegen den Wind. Selbst dann, wenn das Gegenüber gar nichts dergleichen im Schilde führt. Der Narziss ist nun einmal selbst sein bester Feind und Kritiker, auch wenn er das gar nicht merkt, sondern alle seine bösen Gedanken grundsätzlich den anderen in die Schuhe schiebt.

Aber das ist für die Koryphäe nicht weiter tragisch, denn der echte Narziss ist ohnehin irreparabel. Die Koryphäe kann sich also mit gutem Gewissen zurück lehnen, aus dem Fenster gucken und Däumchen drehen. Es würde im besten Fall ohnehin nur auf ein paar optische Korrekturen an der Fassade hinaus laufen. Ohne eine ordentliche Portion Narzissmus wäre der Job einer Koryphäe übrigens gar nicht auszuhalten...

LustigDas Leben ist nicht lustig!

Der Narziss ist zwar eher sehr selten wirklich zufrieden mit dem Leben, aber das ist für ihn noch lange kein Grund, sich selbst zu hinterfragen. Weil ja für alles, was schief läuft, ohnehin immer die anderen verantwortlich sind.

Obwohl der Narziss anderen grundsätzlich unterstellt, dass sie ihn beneiden, weil er so toll ist, ist sein Leben nicht wirklich besser oder gar amüsanter als das gewöhnlicher Menschen. Nur eben sehr viel anstrengender. Er muss nämlich nicht nur permanent so tun, als hätte er jede Menge Spaß darin (auf jeden Fall mehr als alle anderen), sondern er muss auch irgendwie dafür sorgen, dass alle anderen glauben, er hätte auf jeden Fall mehr Spaß darin. Außerdem ist es verdammt mühselig, wenn man sein Ego dauernd päppeln und sich selbst ständig beweisen muss, dass man ein wirklich wertvoller Mensch ist.

Der Narziss hat andere Sorgen

Der einzige Vorteil seines Lebens besteht eigentlich darin, dass er im Grunde ein sorgenfreies Leben führen könnte. Schon, weil er sich aufgrund seines ausbeuterischen Naturells meist sehr gut darauf versteht, Geld anzuhäufen. Doch der Narziss hat ganz andere Sorgen. Vor allem dann, wenn er endlich feststellt, dass ihn sein Reichtum, seine Macht und sein Ansehen kein bisschen glücklicher machen. Das alles perlt sozusagen an seiner glanzvollen Hülle ab, kommt aber leider nicht im Inneren an. Dort bleibt er leer wie eh und je und verhungert vor dem schillernden Trugbild, das er selbst erschaffen hat.

Apropos lustig...

Der Narziss hat durchaus Sinn für Humor, aber vielleicht etwas... nun... archaisch? Die ursprünglichste Form von Humor ist nun einmal die Schadenfreude: Lustig ist, wenn es andere böse erwischt und nicht mich selbst. Seine Ziele verfolgt er vollkommen humorlos und mit missionarischem Eifer. Im Grunde ist man ja oft sowieso besser dran, wenn man gar keinen Humor besitzt. Dann muss man sich nämlich nie das Lachen verkneifen. Da ist der Narziss ganz klar im Vorteil...

 

Gockel NarzissDer alternde Narziss

Der Narziss wird mit zunehmendem Alter immer peinlicher. Das Schöne für ihn selbst ist dabei: Er merkt es nicht. Die meisten anderen Teilnehmer am wirklichen Leben dagegen schon..

In jungen Jahren ist der Narziss ein gern gesehener Gast auf Partys. Er ist meist einigermaßen attraktiv und zeichnet sich durch Charme und Wortgewandtheit aus. Und wenn er nicht gutaussehend ist, kompensiert er das durch ostentativ zur Schau gestellte Bildung, Status, Leistung, Reichtum oder extreme Lustigkeit. Er steht gerne im Mittelpunkt und ist immer für eine kleine Showeinlage zu haben.

Der Salsa tanzende Narziss...

...kommt so nebenbei auf sein Hobby zu sprechen, um sich dann nicht lange bitten zu lassen, wenn es darum geht, den anwesenden Damen das Tanzen bei zu bringen.

Der oral fixierte Narziss...

...tut sich durch geschicktes Ausloten der intellektuellen Neigungen des Gegenübers hervor und webt dann aus zarten Spinnfäden
einen verbalen Kokon um sein Opfer herum.

Der weniger einfühlsame Narziss...

...und damit ein sehr häufig anzutreffender Vertreter seiner Spezies, ist ein unermüdlicher Witzeerzähler. Die einzige Chance, solche selbst ernannten Spaßvögel dauerhaft im Freundeskreis zu verkraften, besteht in der Gnade der selektiven Vergesslichkeit: Wenn nämlich der Witzeerzähler sein immer gleiches Repertoire mit bestenfalls geringfügigen Variationen abspult, können Sie jedes Mal wieder drüber lachen.

sic transit gloria mundi*)

Mit zunehmendem Alter lässt jedoch die Strahlkraft des Narzissten entschieden nach, es sei denn er ist reich, mächtig und wichtig. Dann lässt seine Strahlkraft zwar auch nach, aber nicht die seines Amtes, seiner Macht oder seines Geldes. Das liegt vor allem daran, dass seine normal sterblichen Mitmenschen ihm Gegensatz zu ihm an Lebenserfahrung gewinnen und sich vom äußeren Glanz des Narzissten nicht mehr im gleichen Maße blenden lassen.

Außerdem sind selbst Narzissten einem gewissen Alterungsprozess unterworfen, auch wenn sie das für gewöhnlich hartnäckig bestreiten und mit allen nur erdenklichen Mitteln gegen die Zeit arbeiten. Aber leider ist bis heute kein einziger Fall bekannt, in dem Botox und Skalpell zu mehr Seelenheil und Charisma beigetragen hätten.

*) Lat.: So vergeht der Ruhm der Welt

Schmollende Rebellion - der Co-Narziss

Der Co-Narziss könnte ja, wenn er nur wollte. Aber wozu? Außerdem lässt ihn der Narziss ja sowieso nie. Dafür ist der aber dann auch an allem schuld, was schief läuft. Irgendwann werden die anderen das auch verstehen. Und bis dahin begnügt er sich eben damit, dass ihm der Narziss ein paar Funken seines Strahlenglanzes zuteilwerden lässt.

Immerhin ist ja nicht alles ganz schlecht, was der Narziss so treibt. Und weil der Co sich immer ein wenig kleiner fühlt, als er eigentlich sein könnte, stellt er oft sein Licht allzu sehr unter den Scheffel. Seine Bescheidenheit macht ihn auf den ersten Blick für andere meistens recht sympathisch. Er ist ja immerhin kein so großmäuliger Selbstdarsteller wie der Narziss und er fällt auch nicht mit der Tür ins Haus. Er pflegt lieber ein bewusstes Understatement und legt seinen Stolz eher ironisch an den Tag. Außer natürlich, es käme vielleicht irgendwann der richtige Moment dafür. Aber das ist eher theoretisch.

Der Narziss und sein Co

WelpeDie Beziehung eines Narzissten zu seinem Co kann man sich am besten so vorstellen wie die eines Herrchens zu seinem jungen Welpen: der hechelt seinem Besitzer schwanzwedelnd hinterher, während dieser das Würstchen an der Angel gerade so hoch hält, dass es das kleine Hündchen immer ganz knapp verfehlen muss. Erreicht es das Lekkerli dann doch einmal, ist das gewissermaßen das Krönchen seiner bedauernswerten Lebensform.

Der Co-Narziss kann dies aber dennoch beharrlich in güldenem Lichte sehen, so lange ihn sein Narziss gut versorgt. Sowie ihm der Narziss jedoch einen kleinen Tritt in die Seite verpasst (übrigens eine der Lieblingsbeschäftigungen des Narzissten) bricht die Illusion von Glanz und Gloria jedes Mal wieder in sich zusammen wie ein Kartenhaus. Deswegen ist der Co auch die meiste Zeit damit beschäftigt, an seiner heilen, kleinen Wunderwelt zu feilen und zu basteln.

Zwei dominante Narzissten - kann das überhaupt gutgehen?

In der Beziehung mit einem Narzissten begibt sich der Co-Narziss für gewöhnlich mehr oder weniger schmollend in die untergeordnete Position. Jedenfalls vorläufig. In seltenen Fällen entschließt sich der Co zu einem Dasein in Nichtexistenz aus Liebe. Viel häufiger gefällt er sich jedoch in der Rolle des trotzigen Rebellen, der eigentlich immer unterschätzt wird, und tut deswegen gegenüber Dritten auch gerne recht gekränkt und benachteiligt. 

Mann und FrauNichtexistenz aus Liebe
Die Konstellation Narziss & Co findet man recht häufig bei alten Ehepaaren. Da kann man ja mit der Zeit kaum noch unterscheiden: Wer ist nun eigentlich der Narziss und wer der Co? Aber wie ist es mit zwei dominanten Narzissten? Was für eine Frage! Das wäre ja ungefähr so, als könnte es in unserem Sonnensystem noch eine andere Sonne neben der einen geben. Oder einen zweiten Gott neben dem Allmächtigen. Das würde zwangsläufig zu einem Schisma führen. Oder zu einem Polsprung. Die Folgen wären auf jeden Fall vollkommen unberechenbar und vor allem katastrophal. Zwei Hardcore-Narzissten in einer Beziehung - das kann natürlich nicht gut gehen. Außer vielleicht in einer außerehelichen und auch das nur vorübergehend, denn einer muss immer oben sein. Es ist sehr viel wahrscheinlicher, dass eine derartige Verbindung für mindestens einen der Partner tödlich endet.

Nur wenn von Vorteil und auch dann nur temporär...

Denkbar wäre diese Konstellation allenfalls dann, wenn sich beide davon einen erheblichen Zugewinn an Prestige und Reichtum versprechen. Außerdem wäre es fraglich, ob die narzisstische Partnerin als Gebärmutter zur Verfügung stehen würde, wie das beispielsweise in Königtümern unabdingbar ist. Vermutlich nur, wenn der Nachwuchs gewinnbringend im Ehevertrag abgehandelt oder ihren Status anderweitig deutlich verbessern würde...

Heile WeltDas Heile-Welt-Syndrom

Der Narziss und sein Co-Narziss passen schon deswegen so wunderbar zusammen, weil sie sich (beinahe) perfekt ergänzen: der Narziss hungert nach Zuwendung, Anerkennung, Aufmerksamkeit, bedingungsloser Unterordnung und beständiger Bestätigung seines Selbstwerts durch die jeweils gegnerische Partei und das alles möglichst harmonisch. Ansonsten fühlt er sich elend, klein und minderwertig. Und wenn der Narziss leidet, ist garantiert der Co daran Schuld.

Auch der Co hat es gerne harmonisch. Er hasst Konflikte und ordnet sich deswegen erst einmal bedingungslos unter. Er setzt alles daran, dass es seinem Narzissten gut geht. Auch wenn das bedeutet, dass er sich den Bedürfnissen des Narzissten vollkommen ausliefert und auf seine eigenen vollkommen verzichtet. Schwierig wird es nur, weil es mit der bedingungslosen Unterordnung dann meist doch nicht so ganz klappt. Weil nämlich der Co insgeheim auch nach Zuwendung, Anerkennung, Aufmerksamkeit und beständiger Bestätigung seines Selbstwerts dürstet. Andernfalls fühlt er sich elend, klein und minderwertig. Und wenn der Co leidet, ist garantiert der Narziss daran Schuld. Deswegen funktioniert es mit der Harmonie auf Dauer meistens nicht wirklich gut.

Vollkommene Verschmelzung
Der Co ist der Bewirker im Verborgenen, der Puppenspieler, der die Fäden zieht, der große Manipulator hinter den Kulissen, der den Narziss wie einen Deus-ex-machina glanzvoll auf der Bühne erscheinen lässt.

Das wäre er zumindest gerne. Denn er leidet am Heile-Welt-Syndrom und verklärt daher seinen Narzissten zum Idol. Dieser besitzt schließlich alles, was ihm selbst fehlt. Ja, selbst seine allerschlimmsten Fehler, von denen er nach eigener Einschätzung nur allzu viele hat, werden durch den Narzissten zu rühmlichen Vorzügen veredelt. Doch seine kleine Welt wird erst perfekt, wenn er mit seinem Narzissten zu einer vollkommenen Einheit verschmolzen ist. Was im wirklichen Leben allerdings eher selten gelingt.

Die Enttäuschung, die dem Scheitern auf dem Fuße folgt, ist daher ungefähr genauso verheerend wie seine Illusionen bezüglich der ungeheuren Möglichkeiten, die sich aus der Verschmelzung ergeben könnten.

Was aber bewegt nun eigentlich den Co?

Ist er gar ein Masochist? Oder warum um alles in der Welt lässt er sich sonst auf einen Narzissten ein? Nun, Sie müssen sich das so vorstellen:

Der Narziss ist die Sonne, um die der Co kreist. Alles, was der Co seiner Ikone an Gutem widerfahren lässt, kommt ihm wie durch Zauberhand auch selbst zu Gute. Nehmen Sie zum Beispiel die Anhängsel unserer Ikonen aus der Welt der Promis: Vorher ein Nichts. Währenddessen ein Sternchen. Nachher mit etwas Glück ein Star. Häufig allerdings auch nur ein alterndes Ex-Sternchen.

320px Armée de terre cuite fouille du tombeau de lempereur Qin XianDer Narziss und die Notwendigkeit der Reproduktion

Nachwuchs ist für den Narzissten deswegen so wichtig, weil es die Zahl seiner potenziellen Ich-Erweiterungen praktisch ohne eigenes Zutun erhöht. Leider ist die Bio-Technologie hier noch nicht fortgeschritten genug, sonst würde sich der Narziss nämlich klonen lassen, um seine Art zu erhalten. Schon deswegen, weil sich da keine minderwertigen Gene einmischen können.

Die Faszination von Cyborgs und Avataren

Noch perfekter wäre allerdings ein Cyborg. Er fasziniert den Narzissten, weil er einfach absolut perfekt ist. Fast noch besser als er selbst. Könnte man sich nämlich vom Fleisch lossagen, wäre man endlich wirklich autonom. Und unverwundbar, weil die Verletzlichkeit neutralisiert wäre. So ein Cyborg ist vollständig auf seine Funktion reduziert und alles an ihm kann repariert werden. Er ist stark, effizient und sehr viel leistungsfähiger als menschliche Wesen - in jeder Hinsicht ökonomisch optimiert und somit das Ideal des Narzissten.

Das Bedürfnis, sich biologisch zu reproduzieren, ist ja im Grunde heute überholt. Es stammt noch aus jener Zeit, als das Leben kurz und tödlich war. Deswegen benötigte man damals mehrere backups von sich selbst, um sich bei jedem Absturz wieder neu im wirklichen Leben zu installieren.

Der Co-Narziss
Ich hoffe, Sie haben sich bisher gut amüsiert. Denn damit könnte es jetzt schlagartig vorbei sein. Der Co-Narziss ist ja in der Regel weitaus umgänglicher und entgegenkommender als der Narziss. Aber ein Narziss ist ein Narziss ist ein Narziss.

Nur weil jemand von Natur aus zur Unterwerfung neigt, gerne leidet und sich klaglos in widrige Umstände hinein fügt, zum Beispiel weil das oft viel einfacher und bequemer erscheint (zumindest auf den ersten Blick), macht ihn das nicht gleich automatisch zum besseren Menschen. Das Gute kommt ja genauso wie das Böse in Reinform eher selten vor. Außer vielleicht bei Psychopathen und bei Engeln. Ansonsten gilt hier wie eigentlich fast immer im wirklichen Leben die alte Regel: Die Dosis mach das Gift.

Der ideale Co-Narziss - nur schmuckes Beiwerk?

Die jeweiligen Partner an der Seite des Narzissten erscheinen oft eigentümlich beliebig, wahllos und irgendwie austauschbar. Hauptsache aber vorzeigbar. Das liegt daran, dass der Narziss sich sowieso am liebsten selbst heiraten würde, wenn er könnte. Was auch gar nicht so selten vorkommt. Einen Partner braucht er eigentlich nur, weil er

  1. gewisse Bedürfnisse hat, zu deren kontinuierlicher Befriedigung es einer Ich-Erweiterung bedarf,
  2. es gute PR einbringt,
  3. er sich gerne selbst reproduzieren möchte.

Mechanische PuppeDer ideale Co-Narziss...

Der ideale Co für den Narzissten ergänzt ihn perfekt und repräsentiert jeweils das, was dieser am Dringendsten benötigt. Seine tragende Rolle ist es, als schmuckes Beiwerk neben dem Narziss zu glänzen und ihm ansonsten den Popo hinterher zu tragen und sich durch Servilität bis hin zur Nichtexistenz hervorzutun. Daran scheitern auch die meisten Promi-Ehen. Wenn nämlich das Beiwerk plötzlich selbst ins Rampenlicht drängt und deswegen seine Pflichten gegenüber dem Narziss vernachlässigt.

Die perfekte Lösung wäre ohnehin ein individuell programmierbarer Android. So wie in der schönen Geschichte von E.T.A. Hoffmann, die zu jener Zeit spielt, als Frauen noch systematisch zu Co-Narzissten herangezüchtet wurden, was bis ungefähr Mitte des 20. Jh. der Fall war:

Nathanael besucht die schöne Olimpia und plaudert mit ihr. Er weiß es sehr zu schätzen, dass sie so gut zuhören kann. Er redet und sie nickt immer wieder sehr freundlich und ermunternd. Er fühlt sich endlich verstanden und geliebt. Nathanael hält um ihre Hand an und Olimpias Papa ist sehr angetan von der Verbindung. Aber dann, beim Tanzen, geht der Automat kaputt. Nathanael verfällt daraufhin dem Wahnsinn. Die Anwesenden bedauern den Ärmsten sehr und fordern, man müsse den Bau solcher Puppen verbieten. Weil sie so lebensecht sei, dass man das nicht merkt. Und das wäre schließlich Betrug...

GockelDie Monotonie der Monogamie

Die Beziehungsstruktur des Narzissten liegt auch darin begründet, dass die Monogamie erst in einer ziemlich späten Phase der Evolution dran war und sich bis heute eigentlich nur bei Männchen mit niedrigem Sozialstatus wirklich durchgesetzt hat. Aber eben noch nicht bei den Alpha-Männchen. Oder solchen, die sich dafür halten.

Treu nur Mangels Alternativen

Sollte der Narziss dennoch ausnahmsweise über einen längeren Zeitraum hinweg jemandem die Treue halten, dann nur mangels alternativer Gelegenheiten oder aufgrund der Androhung gravierender Sanktionen, vor allem solcher, die seinem Image schaden könnten.

Apropos Sozialstatus: Der Narziss sucht sich gerne Partner, die ihm Hinblick auf Intelligenz, Bildung und soziale Herkunft unterlegen sind. Dafür gibt es einen einfachen Grund: Sie sind besser zu kontrollieren und leichter zu manipulieren. Das hat Vorteile. Für beide.

Der Narziss muss gefüttert werden und braucht seine Ich-Erweiterungen wie die Luft zum Atmen. Im Gegenzug sorgt er dafür, dass es seinem Umfeld gut geht. Schon, damit es ihm selbst gut geht. In diesem Sinne ist er durchaus zu überschwänglicher Fürsorge fähig. Umso mehr, je mehr die Sorge, die er anderen angedeihen lässt, auch seinem eigenen Wohlergehen dient.

Selbst nach seinem Tode möchte er noch gut dastehen. Glücklicherweise geht der Trend dabei heute eher weg von Pyramiden und hin zu Hinterlassenschaften, die für die Hinterbliebenen von unmittelbarem, geldwertem Nutzen sind.

Schmuckes Beiwerk
Die jeweiligen Partner an seiner Seite erscheinen dabei oft eigentümlich beliebig, wahllos und irgendwie austauschbar. Hauptsache aber vorzeigbar. Das liegt daran, dass der Narziss sich sowieso am liebsten selbst heiraten würde, wenn er könnte. Was auch gar nicht so selten vorkommt. Einen Partner braucht er eigentlich nur,

  1. weil er gewisse Bedürfnisse hat, zu deren kontinuierlicher Befriedigung es einer Ich-Erweiterung bedarf,
  2. es gute PR einbringt und
  3. er sich gerne selbst reproduzieren möchte.

WasserhahnTreue wird eindeutig überbewertet

Beziehungen mit einem Narzissten sind eine ziemlich relative Angelegenheit, denn beständiges Glück entspricht ja nun so gar nicht seinem Naturell. Dazu ist es einfach zu unspektakulär. Außerdem ist der Narziss von Natur aus eine treulose Tomate. Auch wenn er im Taumel der ersten Verliebtheit gerne das Gegenteil beteuert (und vermutlich sogar selbst für einen kleinen Augenblick daran glaubt).

Es geht ihm dabei keinesfalls nur um Sex oder ähnlich banale Dinge. Aber er leidet nun einmal wirklich darunter, wenn sein Lebenselixier versiegt und der beständig plätschernde Quell von Bewunderung, Anerkennung und Idealisierung nicht mehr üppig sprudelt sondern nur noch zaghaft tröpfelt.

Und das passiert merkwürdigerweise immer spätestens dann, wenn der Alltag einkehrt und das wirkliche Leben seinen Tribut fordert. Deswegen gehört das wirkliche Leben für den Narzissten auch nicht zu den wirklich erstrebenswerten Dingen.

Der Narziss bevorzugt die serielle Symbiose
Irgendwann ist eben normalerweise einfach Schluss mit der fortwährenden Überhöhung dank blinder Verliebtheit. Und Schuld daran ist natürlich der Co-Narziss. Weil er derjenige ist, der den Hahn zudreht. Was er möglicherweise auch deswegen tut, weil ihm endlich dämmert, dass der Fluss immer nur bergauf fließt. Deswegen ist das Beziehungs-Modell, das beim Narzissten wohl am häufigsten anzutreffen ist, die serielle Monogamie. Im fortgeschrittenen Lebensalter nimmt jedoch die Wahrscheinlichkeit einer seriellen Bigamie zu.

Der Narziss hat also, zumindest bis zu einem bestimmten Lebensabschnitt, meist keine sehr lange dauernden, sondern eher mehrere kürzere aufeinanderfolgende monogame Beziehungen, nahtlos oder mit Single-Phasen dazwischen. Und danach meist einen festen Partner und mehrere aufeinanderfolgende monogame Beziehungen daneben.

Wie auch immer. Jede Beziehung ist ohnehin nur ein verzweifelter Versuch, die Kollateralschäden seiner missglückten Kindheit zu reparieren und die anderen Teilnehmer am wirklichen Leben bleiben ihm sowieso auf ewig ein Rätsel, dessen Lösung er zeitlebens sucht.

Narziss und Co-NarzissBedingungslose Liebe

Der Narziss ist auf der Suche nach der bedingungslosen Liebe. Nach der Liebe eines Menschen, der seine Bedürfnisse bedingungslos befriedigt. Deswegen lebt er für gewöhnlich in Symbiosen. Entweder

a) mit sich selbst und seinem Spiegel oder
b) mit einem Co, in dem er sich fortwährend spiegelt.

Nun könnte man meinen, Variante b) sei seltener anzutreffen, da der Co-Narziss naturgemäß schon deswegen nicht perfekt sein kann, weil der Narziss ja selber immer und in allem der Beste ist. Doch dies ist nicht der Fall. Der Narziss ist nämlich durchaus lernfähig, wenn es für sein Image nützlich ist. Insofern kann so ein Co an der Seite des Narzissten ein durchaus nützliches Instrument im gesamtgesellschaftlichen Kontext sein.

Auch die Ehe ist dabei letztlich nichts anderes als ein Statussymbol. Der Narziss verleiht sich damit den letzten Feinschliff an Normalität und Seriosität. Außerdem hat er schließlich neben seiner einzigartigen Mission in dieser Welt auch noch ein paar Bedürfnisse. Diese machen mitunter persönliche Beziehungen zu anderen Menschen erforderlich. Da ist ein Ehegatte unter dem Strich und auf lange Sicht gesehen, auch unter den pragmatischen Kriterien der Kosten-Nutzen-Rechnung, die beste aller real existierenden Lösungen.

Ein optimal funktionierender Co wäre zudem die ideale Ergänzung im Hinblick auf die eigene Bedürfnisbefriedigung, würde er nur endlich lernen, dem Narzissten die Wünsche von den Augen abzulesen und keine Widerworte zu geben. Aber genau das ist halt auch das Problem des Co. Ansonsten wäre die Verbindung wirklich perfekt.

Der Narziss als Lebensaufgabe
Der Co ist für gewöhnlich eine treue Seele und findet im Narzissten seine Lebensaufgabe. Im wahrsten Sinne des Wortes, denn es handelt sich dabei ganz gewiss um eine Aufgabe, die ihn sein ganzes restliches Leben ausfüllen wird. Doch die Hingabe des Co wird auch belohnt: der Narziss verleiht ihm dafür jene Bedeutung, die der Co bis dahin nie besaß. Als Teilchen im Ego-Puzzle des Narzissten.

Das kommt dem Co wiederum sehr entgegen. Daher wäre es schlicht überzogen, den Narzissten einfach nur als Parasiten zu bezeichnen. Obwohl er unbenommen ziemlich eigennützig ist. Denn für einen willigen und gefügigen Partner bringt die Beziehung zu einem Narzissten durchaus gewisse Vorteile mit sich. Man könnte auch sagen: Da haben sich einfach zwei gesucht und gefunden. Das kann sogar manchmal gut gehen und ist - nun ja - vielleicht auch so eine Art von Liebe?

Unzertrennlich - der Narziss und sein Co

Der Narziss und sein Co beiden bilden schon deswegen gerne ein Paar, weil sie sich so gut ergänzen. Was sie so inniglich miteinander verbindet, ist

  • das übersteigertes Bedürfnis nach Anerkennung,
  • ein mangelndes Selbstwertgefühl,
  • ihre verquere Logik,
  • die nicht vorhandene Wahrnehmung und
  • die hohe Kunst der Verdrängung.

Ansonsten würden sie es nämlich keine drei Tage miteinander aushalten. Der Narziss und sein Partner sind aber auf jeden Fall auf einer Wellenlänge - der des Narzissten.

Stan_OliverAus der Sicht des Narzissten gibt es für alles, was andere tun oder lassen, nur ein relevantes Bewertungs-Kriterium: seine eigenen Bedürfnisse. Irgendwie begreift selbst der, dass andere Menschen andere Bedürfnisse haben als er. Deswegen ist er ja so, wie er ist. Er findet es nur nicht logisch und schon gar nicht überzeugend, dass die Bedürfnisse anderer von den seinen abweichen. Warum sollte das, was ihm gut tut, nicht auch anderen gut tun? Deswegen ist er Zeit seines Lebens unerschütterlich darum bemüht, den anderen seine eigenen Bedürfnisse als ihre eigenen zu verkaufen. Was ihn nicht zwangsläufig zu einem guten Marketing-Spezialisten macht.

Spieglein, Spieglein...
Der Narziss braucht das Gegenüber. Als Spiegel. Um seine Idealvorstellungen von sich selbst zu komplettieren. Insofern hat ein menschliches Wesen eben auch gewisse Vorteile gegenüber einem Spiegel. Der andere soll ihn so sehen, wie er sein möchte. Wenn der andere ihn nämlich so sieht, dann ist er auch so. Selbst dann, wenn ihn der andere nur im Taumel seiner blinden Verliebtheit durch die rosarote Brille so sieht.

Der Co liebt den Narzissten meistens sehr. Zu sehr. Dafür bekommt er auch etwas im Gegenzug vom Narzissten. Liebe zum Beispiel. Na ja, sagen wir mal: So etwas ähnliches wie Liebe. Aber nur, wenn ihm der Co auch fortwährend bestätigt, dass er tatsächlich so ist, wie er sein möchte. Die Tatsache, dass er niemals so sein wird, bekümmert ihn dabei wenig. Der Partner allerdings sollte sich tunlichst von all seinen Selbstverwirklichungs-Projekten verabschieden. Er ist nämlich von Stund‘ an auch nicht mehr einfach nur der, der er nun einmal ist. Falls er denn jemals irgendetwas gewesen ist.